Diskurs-Lyrik
Daniel Falbs schmaler Lyrikband „Bancor“ hat es in sich
Vor sieben Jahren machte der Berliner Lyriker Daniel Falb (Jahrgang 1977) mit
seinem Debütband „Die Räumung dieser Parks“ (kookbooks
2003) auf sich aufmerksam und erntete viel Applaus bei Publikum und Kritik.
Nun liegt mit „Bancor“ sein zweiter Band vor, erneut in brillanter
grafischer Gestaltung von Andreas Töpfer. Die neuen Gedichte tragen keine
Überschriften, strukturiert werden sie allein durch formell unspektakuläre
Folgen einzelner Sätze, die durch Leerzeilen verbunden sind. Aber diese
Sätze haben es in sich.
„geburtstag, das ist ein loch in der erde, aus dem die hummeln zur nahrungssuche
hervorströmen.“
Gegliedert in drei Kapitel erwarten uns Wortgeflechte, die weder von den üblichen
Formen aus Metaphern, Strophen, Zeilenbrüchen, lyrischem Ich usw. geprägt
sind, noch einfache Angebote machen. Textmonaden überlassen uns der Wucht
ihrer Wörter: Klanglich geschmeidige, inhaltlich oft hybride Sätze,
die gängige Sprachmuster collagenartig miteinander verknüpfen und
eine Flut von Bildszenen erzeugen. Die übliche „neue Lyrik“
ist das schon mal nicht. Die Dichte der Texte ist eine Herausforderung an den
Leser. Aber es gibt viel zu entdecken: Verblüffendes, Überraschendes,
Spielerisches. Der studierte Philosoph Falb hinterfragt die großen Ideen
der Menschheit mit den subversiven Registern heutiger Sprache. Der Titel „Bancor“
signalisiert, worum die meisten Texte des Buchs kreisen: Es geht um gesellschaftliche
Muster, um sprachliche und soziale Konventionen und ihren beständigen Wandel.
„bald war alles übersät mit resolutionen, in deren weichbild
man eintrat, den geltungsbereich eines dialekts oder singvogels.“
Bancor war die Bezeichnung für eine 1944 von John Maynard Keynes vorgeschlagene
Weltwährung, eine Verrechnungseinheit für den internationalen Bankverkehr,
die niemals realisiert wurde. Falb gefiel, wie er sagt, der besondere Klang
des Wortes, deshalb wählte er es als Leitwort seines Schreibens. „Das
Geschäft des Schreibens lyrischer Texte hat mit Sehnsucht — wonach
auch immer — nun wirklich überhaupt nichts zu tun, sondern einzig
allein mit der Konstruktion ästhetischer Objekte,“ gibt er im Magazin
„Bellatriste“ (Nr. 25, herbst 2009) über seine Schreibhaltung
Auskunft: „Es ist grundsätzlich möglich, den Text als …
Ausstellung von Wörtern zu verstehen … Es reicht nicht, wenn der
Text interessant ist in dem, was er sagt (Thesen, Meinungen, Haltungen etc.)
— sondern er muss interessant sein in dem, was er tut und ist.“
„der elektromagnetische staat reicht bis an die tropopause.“
Falbs Bezüge sind wissenschaftliche, politische und philosophische Debatten,
bildende Kunstwerke und literarische Texte, im Anhang findet man ein Verzeichnis
der Quellen seiner Inspiration für die einzelnen Texte. Intertextualität
ist kein Merkmal, sondern selbstverständliche Voraussetzung dieser doppelbödigen,
nicht selten atemberaubenden Texte, die auch beim x-ten Lesen nichts von ihrer
ursprünglichen Energie verlieren. Man muss sich allerdings aktiv mit ihnen
vertraut machen, damit die dynamischen Kontraste des Denkens spürbar werden,
die unterm scheinbar unverbindlich glatten Klang verborgen liegen.
„wir kontrollierten die, die uns beobachteten, indem wir genau das machten,
was sie sahen.“
Wenn die Musikkritik die „Hamburger Schule“ wegen ihrer alltagsphilosophischen
Songtexte als „Diskurspop“ bezeichnet, könnte man Falbs Lyrik
analog dazu Diskurslyrik nennen. Er experimentiert an den Rändern dessen,
was Lyrik vermag. Provokant testet er lyrische Verfahren, ohne neue Worte zu
erfinden oder Metren zu bemühen, durch semantische Collagen und Kombination
verschiedenster Diskursformen, durch permanente Cut-ups aktueller Slangs und
sprachlicher Milieus: Fragen, Behauptungen und Aphorismen, die sich thematisch
gegenseitig annähern, sich gekonnt ins Wort oder in die Arme fallen, wo
ein einziger Gedanke zum Thema nicht genügen kann. Denn dass ein einziger
Gedanke selten genügt, dass immer auch ein aber, eine Brechung, eine andere
Seite mitgedacht werden muss, ist ja kein Problem von Falbs Texten, sondern
der Lyrik, der Literatur mittlerweile insgesamt.
„foyers oder lobbys, in denen die zahlungsbereitschaft für ein einfaches
glas wasser beständig steigt.“
Der Literaturkritiker Michael Braun vermisst in einer eher argwöhnischen
Besprechung („Kühler Mischer der Diskurse“ Tagespiegel, 18.10.2009)
in Falbs Texten das lyrische Ich und diagnostiziert nichts als „eine poetische
Relaisstation … in der keine Gefühle mehr zählen, sondern einzig
noch das beiläufige Registrieren von Sprachbewegungen“. Das ist angesichts
der einander regelrecht ins Wort fallenden Gefühlsströme in Falbs
Texten eine höchst erstaunliche Einschätzung.
„im lehrbuch dessen, was wir zu sagen hatten, führte ein träger
freundlicher emotionen zum ziel, der eingebaute kleine freund“
Statt des romantisch-empfindsamen Ichs findet sich in Falbs Texten ein abgeklärtes,
im Multitasking des 21. Jahrhunderts geübtes. Vor allem aber spricht bei
ihm zumeist ein affirmativ großes wir, gewissermaßen das „lyrische
Wir“ gesellschaftlichen Kommunizierens – eine der Grundhaltung der
Texte entsprechende, überzeugende lyrische Perspektive. Der dritte Teil
des Bandes, „Magna Charta“ überschrieben, macht Falbs Anliegen
besonders deutlich: Orientiert an Rhythmus und Sprache der „Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte“ untersuchen seine Gedichte die Wirksamkeit
solcher „Menschheitstexte“ und schneiden sie gegen die Alltagssprache
des interaktiven Medienzeitalters. Falbs neue Gedichte verlangen viel und wagen
Ungewöhnliches. Wer das mag, sollte sie unbedingt lesen.
„die allgemeinheit überlegt noch, wer für sie siegen darf.“
Martin Jankowski
Falb, Daniel - Bancor. Kookbooks, Berlin 2009
Das ist eine vereinfahhte Darstellung der Kritik aus: Die Berliner Literaturkritik,
19.03.10