SCHNEEBEERE ALS GEWISSHEIT: LYRIKER IN MERAN
Man muss sich die zentralen Akteure des Lyrikpreises Meran als glückliche
Menschen vorstellen. Das hat zunächst etwas mit der Geographie des
weltberühmten Städtchens im idyllischsten Winkel Südtirols
zu tun. Wer hier an einem Lyrik-Event teilnimmt, der bringt auch ein gewisses
Levitationsbedürfnis mit, hoffnungsfroh gestimmt vom blendenden Licht
des Südens. Der Ort des Lyrik-Geschehens selbst, der von einem pompösen
Kronleuchter dominierte „Pavillon des Fleurs“ im Kurhaus Meran,
tut ein übriges, um allzu grimmigen Kritizismus zu dämpfen. So
wunderte man sich auch nicht über die Begeisterungsbereitschaft einiger
Juroren, die sich zu immer neuen Gipfelpunkten schwang. „Das ist Dichtung,
die mich glücklich macht“, konstatierte Jurorin Ulla Hahn angesichts
der Gedichte des Preisträgers Michael Donhauser – und es ist
dieser stets euphoriebereite Zugriff auf Gedichte, der die Meraner Veranstaltung
zu einem der beliebtesten Lyrik-Ereignisse im deutschsprachigen Raum hat
aufsteigen lassen. Statt erbitterter textkritischer Schaukämpfe um
Gedichte findet man hier eine Produktionsstätte interpretatorischen
Feinsinns vor. Auch bei der siebten Auflage des Preises beugte sich eine
hochkarätig besetzte Jury in ausdauernden Diskursen über die Gedichte
von neun Kandidaten – und nur punktuell war an der Solidität
der Urteile zu zweifeln.
So hatte der Schweizer Lyriker Andreas Neeser das Pech, ein von poetischer
Tradition gleichsam umzingeltes Wort wie „Meridian“ zum Titel
eines Gedichts zu erheben. Ursprünglich nur eine Bezeichnung für
die virtuellen Liniennetze, die sich über unsere Erdkugel ziehen, löst
das Wort „Meridian“ bei Verwendung in zeitgenössischen
Gedichten einen Deutungsreflex aus, der dem Autor nur zum Nachteil gereichen
kann. Weil Paul Celan 1960 seine berühmte Büchner-Preisrede mit
dem Titel „Der Meridian“ geschmückt hatte, wurde nun Neeser
entgegen gehalten, seine auf Aussparung und Konzentration bedachten Gedichte
könnten sich mit Celans Bildgenauigkeit nicht messen. In einem anderen
Fall traute die Jury ihrem Lob für Matthias Göritz nicht, der
es als einziger Autor gewagt hatte, aus der mitunter ängstlichen Traditionsergebenheit
seiner Kollegen herauszutreten und eine Poetik der Offenheit und des fragmentarischen
Subjektivität zu realisieren. Göritz´ Mut, sich wie sein
Vorbild, der radikale Formzertrümmerer Rolf Dieter Brinkmann (!940-1975),
auf poetisch noch unvermessenes Gelände zu wagen, „aus der (lyrischen)
Sprache und den Festlegungen raus“, wurde nicht honoriert –
denn die Preise gingen an die Favoriten. Die Dichterin Silke Scheuermann,
die seit ihrem 2001 veröffentlichten Debütband „Der Tag
an dem die Möwen zweistimmig sangen“ einen phänomenalen
Siegeszug durch die Lyrik-Szene angetreten hat, erhielt etwas überraschend
„nur“ den kleinen Förderpreis der Kurverwaltung Meran (2100
Euro). Eine „ausserordentliche Imaginationsbegabung“ (Juror
Kurt Drawert), eine verblüffende Raffinesse bei der Anverwandlung mythologischer
Figuren (Medusa, Arachne, usf,) hat man Silke Scheuermann zwar zugestanden
– aber das Balancieren ihrer Figuren zwischen „Wunderland“
und existenziellem Abgrund stösst seit ihren Erfolgen auf zunehmendes
Misstrauen. Der zweite Förderpreisträger Jan Wagner (Alfred-Gruber-Preis,
3100 Euro) betreibt ganz subtil die Revitalisierung einer ästhetizistischen
Poetik. Da werden fast demonstrativ „fin de siècle“-Motive
aufgerufen – aber dann folgt eine ernüchternde Wendung in die
Gegenwart und unter dem Idyll lugt das Grauen hervor.
An den zyklisch verwobenen Gedichten des Hauptpreisträgers Michael
Donhauser (Meraner Lyrikpreis, 8000 Euro) faszinierte die Inständigkeit,
mit der in einer herbstlichen Landschaft die „Schönheit“
und Vergänglichkeit der Dinge aufgerufen werden. Donhauers lyrische
Protagonisten waren schon immer Fussreisende, die im Gleichmass des Gehens
durch die Landschaft ihr Versmass zu finden hofften. Mit grosser Emphase
näherten sich auch seine preisgekrönten Gedichte den Phänomenen
der Natur, von denen sich das Ich eine metaphysische Erlösung erhofft:
„Das Sehnen und Sagen, es wehte durch/ die Fluren, ich suchte und
wieder jene / Schneebeere als Gewissheit, die Schlehe / und den Holunder,
in der Weite, in dem / Schwellen, Atmen, dem Heben wie von Armen, vollen,
weichen, als wäre noch / und getragen so der Himmel, .....“ Ein
vom Geflüster der Natur ergriffenes Ich wäre noch vor einem Jahrzehnt
als schwerer Systemfehler der Dichtung moniert worden. In Michael Donhausers
Dichtung erhält dieses naturempfindsame Ich wieder ein poetisches Existenzrecht
Michael Braun