Lieber Gerhard,
einen bestürzenden Knäuel Gekränktheit hast du jetzt ausgespuckt zwei Jahre nach dem Aufsatz über ein paar Gedichte von dir in Text und Kritik, den ich auf deine Anfrage hin über dich schrieb im dich ehrenden Band. Inzwischen habe ich deine Ignatien getreulich übersetzt, die in Manfred Rothenbergers starfruit press erschienen, mit im Grunde der selben relativ gleichmütigen Haltung, die ich dir gegenüber allgemein hege. Auf der Ebene, wo du dich hier bewegst, möchte ich mich nicht aufhalten. Gehässiges Geschnatter, seniles Getue. Das bist doch gar nicht du, wenn du der bist, der auch gute Gedichte schreibt.
Meine Antwort bleibt kurz und vielleicht kann sie dieses lächerliche Geschwür beenden. Sie möchte dich an deine souveränen Qualitäten erinnern, aber auch an deine Pflichten als Vertrauter der Sprache. Du hast es doch nicht nötig, einem interessierten Leser öffentlich in die Geschlechtsteile und ins Hirn zu treten. Ich frage mich, was dich dazu getrieben haben könnte. Hatte ich etwa wunde Punkte getroffen? Oder geht es eher proaktiv darum, mir in der Zukunft zu schaden? Bei den vielen Leuten, die nur die Überschrift lesen werden, ist das scharf und realistisch kalkuliert. 
Ich kenne dich, wie ich schrieb, ja fast gar nicht, habe nur für den Aufsatz dann extensiv deine Gedichte gelesen. Sie müssen dann ja gut sein, oder, wenn sie so viel der empfindlichsten Wahrheiten zu erraten geben? Freue dich halt mit uns, deinen Lesern, über deine so transparenten und diskutablen Schönheiten! Wenn aber die lyrischen Iche, die in meiner Lesart aus deinen Gedichten in Erscheinung traten, nicht mit deiner echten Person übereinstimmen, dann ist das eben so. Ich verschließe fest die Augen, um nicht etwa sehen zu müssen, dass die echte Person grauslicher wäre. 

Ann

P.S.: Wenn Vorwürfe drin sind, an denen was dran ist (A. sagt etwa, ich schösse gern mit Gummibären - habe wohl diesmal eine Lawine ausgelöst) dann bitte ich um eine zivilisierte Mitteilung, vielleicht durch andere, die knapper und ohne Hass formulieren. Aus diesem toxischen Wust ist es mir zu blöd, sie herauszuklamüsern. Deswegen halte ich mich aber nicht für unfehlbar; vielleicht habe ich damals unterschwellig auf deine bekannte Großtuerei reagiert, die ja gar nicht mal unsympathisch ist, wenn sie sich nicht auf so ein kleinliches Niveau reduziert. Mein Ansinnen war auch, gebe ich zu, chauvinistische Mythen rund um die Sexualität und Liebe am symptomatischen Beispiel zu debunken - da bist du bei Gott nicht der einzige deiner Generation, nur einer der einzigen, mit deren Gedichten auseinanderzusetzen sich trotzdem lohnt. Ich wollte das tun nicht mit Werkzeugen des Moralismus, sondern in einem fairen Wettstreit, indem ich objektiver und freimütiger und schöner über die Materie schreibe; das Mittel der Karikatur war dabei nicht ausgeschlossen. Ich konnte mich in diesem Kontext ja auch darauf verlassen, dass das Genre der Lobhudelei das vielleicht leicht Pikante mit reichlich Sahne wohlig umschließen würde. Und machte mir da wohl zu wenig Sorgen um die Psyche des zarten Herrn.
Und doch, ist es nun so, dass wir gerade hier eine Art Hahnenkampf weitertreiben? Meine Bilder sind geiler als deine Bilder? Mein Kopf ist gesünder als deiner?
Aber das nehme ich zurück: als Jüngere wäre es unfair, die Karte des Vitalismus zu spielen. 


Dieser Brief reagiert auf eine Polemik Falkners, die wiederum Bezug auf einen Beitrag Cottens vor zwei Jahren in "Text und Kritik" (Sonderheft zu Gerhard Falkner) nimmt.
Gerhard Falkners Polemik lässt sich im: Poetenladen nachlesen, Ann Cottens Aufsatz in Auszügen auf: Planetlyrik ganz unten auf der Seite