DissenS – Prosanova in Hildesheim

Letztes Wochenende also das erste große Ereignis in Hildesheim seit der Entdeckung eines römischen Silberschatzes 1868 (der ging allerdings sofort nach Berlin und blieb dort): das Festival der jungen deutschen Literatur im reichlich demolierten, aber - Orchideen, Cordsessel, Lichtinstallationen - für kreative Schreiber und institutionelle Literatur adäquate Behaglichkeit bietenden ehemaligen MÖBELHAUS SCHWETJE. Konkurs ging jenes auch, weil der Besitzer vor einigen Jahren einen Sessel namens "Rommel" und, Gerüchten zufolge, auch eine Schrankwand "Himmler" im Kehrwieder inserierte und sich nach Skandalwerdung trotz eiliger Reparaturzahlung an die jüdische Gemeinde von dergleichen - solcher "Intrige internationaler Möbelhäuser" - nicht mehr erholte.
Raphael Urweider pickte zum Festivalauftakt mit schweizerischer Harmlosigkeit lange und boshaft genug telefonisch am Bankrotteur herum, und nahm damit den Veranstaltern des Festivals die Sorge jeglichen historischen Bezuges oder Diskurses von vorneherein ab – man ist ja genügsam in Hildesheim, man begnügt sich mit dem, was man kriegt, wenn mans selber nicht hinkriegt.

Man ist ja genügsam, sage ich, man veranstaltet Lesungen hinter zitternden Glasscheiben an einer der vielbefahrensten Straßen dieser ansonsten todesruhigen Stadt, in der Bahnhofsallee. Nebenan klebt Aladins Tropfsteinhöhle voll von Baklava, von der Straßenseite gegenüber empfiehlt sich allein das grüne Hühnchen-Curry T 77 des „Saigon-Imbiss“, daneben staubt es aus einem Container mit Korbstühlen des gerade pleite gegangenen spanischen Eckrestaurants (ich meine ja den Korbstühlen, übrigens aus der interkulturellen Möbelstube weiter die Durchgangsstraße hoch, eine gewisse Verantwortung an der Pleite zuweisen zu können). Abendbrot ist also in Reichweite, gut, Spiele sind es entweder auf der anderen Straßenseite im Spielsalon, der für maximale Ausnutzung übriggebliebener Parkzeit plädiert, oder aber im Sexshop zur linken Festival-Flanke. Wers mehr braucht, läuft hundert Meter weiter an die Bahnhofsbrücke ins „Haus Rose“.
Doch offenbar ohne solche sinnlichen Stimuli ging die Schockwelle der Festival-Eröffnungsparty durchs ganze Land. Or so they say.

Es trafen sich: Viele dünne Männer mit Ringen unter den Augen, weitaus mehr dicke Frauen mit eifrig gewundenen Turbanen und dreadfully verfilzten Haartürmen, diverse kleine Mädchen mit asymmetrischen Prinz-Eisenherz-Frisuren sowie das Publikum der umliegenden Spielhöllen und Dönerbuden, das scharf auf Kicker und billiges Bier war. Alle hatten eines gemeinsam: unlackierte Zehennägel. Das weiß ich mit Bestimmtheit, ich sah nämlich fortwährend vor Scham - ob meiner diversen Unzulänglichkeiten: weder Turban, noch Turm, noch Eisenherz, keinen Prosatext für die Lektoren unterm T-Shirt, aber rote Nägel - auf den Boden.

Außerhalb meiner beschränkten Perspektive geschah vieles, war nur zu erlauschen, vermutete ich Kicker und Tischtennis und aus dem Augenwinkel heraus auch eine Bar mit Kronleuchtern aus grünen Flaschen und ohne Wodka, außerdem kamen mir platonische Liebesschwüre an FAZ-Resenzenten und an Terezia Mora zu Ohren sowie verächtliche Kommentare über unreflektierte Kleinmädchenprosa: "Finger, die auf der Sinnsuche nach dem Sperma vom Vorabend beschnuppert werden" (FR). Die Polizei kam aus anderen Gründen dreimal pro Nacht, Frank Spilker legte auf und ach, am nächsten Morgen roch es statt nach Sex nach Bratwurst und dazwischen fielen die Diskussionen über Literaturdidaktik in der größten Kleingartenkolonie Niedersachsens kaum auf.
Muß ich jetzt wirklich noch mehr? Right, eine Polemik zur Programmatik

::::::::::::::::::::::::Kondensat aller O-Töne::::::::::::::::::::::

"... wir finden definitiv keine Programmatik… wir finden, wir wollen und sollen auch keine Programmatik finden... wir finden, wir machen ein Festival für alles, auch wenn es prosanova heißt.... wir finden auch Lyrik, klar… wir finden sogar Drama….wir finden zwar Lyrik und Drama unwichtig, aber damit das keiner außer uns merkt, nennen wir die einzige Lyrikveranstaltung mit feiner Ironie "Ikebana", legen sie auf einen ungünstigen Termin und verbannen das Drama in den stickigsten Raum des Stadttheaters.... klar finden wir die nicht von uns, sondern von einer unabhängigen Jury ausgesuchten Texte zum Wettbewerb allesamt beschissen, vor allem die aus Leipzig….wir finden, wir sollten sie nur unter stillem Protest in unserer Zeitschrift-die-Besseres-verdient-hat veröffentlichen.... wir finden und berichten dies aber ausschließlich in Anwesenheit ausgewählter Jounalisten hinter vorgehaltener Hand, damit man Bescheid weiß und uns keinen Vorwurf macht... wir finden natürlich jegliche Form von Enthusiasmus irgendwie suspekt heutzutage, daher lesen wir unsere enthusiastisch formulierten Lobeshymnen auf etablierte Schriftsteller, die zufällig unter 40 und frisch prämiert publiziert sind, ja auch mit feiner Selbstironie in der Stimme vor, damit uns keiner kommt und....aber wir finden ja uns, an uns kommt ja sowieso keiner… wir finden, wir sind die Zukunft, die ihr nicht finden werdet….wir finden, wir haben, wir werden, wir sind:::: Zukunft, und zwar exklusiv."

N. Hagmann