Bei denen von Arnim oder Der Morgenrock des Stipendiaten


Einsam, wie mindestens ein Elefant. Der Dichter durchwandelt den Park, Wein noch vom Abend gärt in der Luft, pulst in dem Gemüth, unmöglich ein poetisches Produkt daraus zu schinden. Ach, ohne Wurzel, denkt es im Dichterkopf, ohne Erinnerung ödet der Morgen. Nur ruhig, Trottel, flüstert am Ohr der Nebel, das eben noch hohl vor sich hin starrte, ein Born reiner Vagheit im Angesicht untoter Pisten. Park derer von Arnim, der Blick von der Freitreppe trifft das Kulturerbe: eine französische Pflanzung mit Betonurne und allegorischen Abgüssen auf Sockeln, umrankt von englischer Wildnis, großen deutschen Laubbäumen, uralten Wiesen und Friesen rosenbestückt, wenn auch noch nicht ganz erblüht in dieser Frühe. Linkerhand die Orangerie, rechterhand der von Algen verpestete See, auf dem Schwan Heiko seit dem nie ganz geklärten Tod seiner Frau Heike einsame Runden dreht, den dünnen Hals über die Schlieren biegt, hin und wieder ein nahrhaftes Kräutlein zupft.

Kropf, Kochtopf, silbernes Schloss in der Romantik des Landes. Täglich um 10.00 der Versorgungstank für die Bewohner von Wiepersdorf. Den ältesten Künstlerhorst Deutschlands gibt es seit 1947, kann nachgelesen werden, so denn ein Interesse besteht, an solchen Daten, in diesen posthistorischen Tagen. Tage der Jugend, ja. Mit Blick auf die hier Internierten muss man allerdings sagen: der Altersschnitt der Stipendiaten liegt bei etwa 50 Jahren. Aber die Schönheit des Lebens erleidet keinen Abbruch; der monetäre Aspekt, wie jeder weiß, erst die staatliche Förderschiene ermöglicht den geistlichen Ausdruck, das Schweben. Der Meditationspunkt Achim und Bettina, aufgebockt in Sarkophagen: er eher Landmann, Editor und Kronenwächter, sie immerhin brachte es mit ihrem Arsch bis auf die Kniehöcker des alten Göthe, mit dem umlockten Gesicht auf den bundesdeutschen Fünfmarkschein. Kein sonderlicher Putz, kein eigener Umgang verrät die Künstler; das brave Geklapper der Bestecke um Mittag und Abend weckt Erinnerungen an Landheime, Schulausflüge, das friedliche Pingpong auf Steinplatten vor der Jugendherberge »Ilja Ehrenburg«.

Basis des Absud, orgelt das Denken, schwelgen die Avatare des Duden im Transit des Geistes. Wahre Sätze sind möglich: Der pornographische Hausmeister spritzt den Trompetenbaum mit seinem Schlauch ab. Der Schlosshund reibt seinen stinkenden Bauch am Knie des Dichters. Das Leben ist schön, im hölzernen Liegestuhl auf der hermetischen Wiese. Der Jägerzaun schützt die Anlage vor Wildeinfall, aber der Wind geht darüber hinweg und bevattert die hohen Kronen. Ruraler Techno und Popmusik aus dörflichen Anlagen behindert das Klima am Abend. Ein polnischer Fotograf aus dem zwölften Jahrhundert. Ein rumänischer Amateurflötist aus gar keinem Jahrhundert, pinselt Gedichte. Ein bildender Künstler baut einen Holzkühlschrank. Eine bildende Künstlerin sammelt Menschenhaar auf den Feldern im Umland, hält es jedoch für Wildschwein. Die Legebatterie für Schriftsteller und Journalisten im Obergeschoss der Remise: ein poetisch Veranlagter schläft nur, einer ist praktisch nie da, ein dritter (Volker Braun) kommt gar nicht erst rein, weil alle Plätze belegt sind. Zwei behindertengerecht ausgestattete Wohneinheiten. Der Finne Heinz, sein sorgsamer Gang. Die Komponistenwohnung. Mehrfach Begabte.

Der Dichter am Ende ist erst der Anfang. So heißt es in jedem Gedicht. So schweigt es. Rundum die Stille, das hohe Blau, bald ist Mittag. August, Insekten. Aber man weiß, die Welt schläft nicht. Die Klingel des Eiswagens ist sie, und wenn auch die Handys schweigen, in diesem gottlosen Funkloch, kündet das Rasseln der Erntemaschinen doch von Ereignissen jenseits der künstlichen Nährzone. Kühnheit, bitte. Poetische Kühnheit, sonst kannst du gleich wieder fahren. Ins scheele Berlin, zum Beispiel, ins blöde Potsdam, aus welchem Elend du eben herkamst. Die Verwaltung zahlt stumm, weiß nichts von Exzessen – Not ist nicht im Geiste, weiß man, Not ist im Sein, heilbar mit Pfründen. Und doch, wie die Dichter sagen: auf anderen Pfaden wandelt die Liebe, ein rasierter Pfirsich (Nektarine). Rot ohne Schatten. Darum sei genau, Liebender, sei elefantisch und einsam. Das Ende der goldenen Zeit wird dich pünktlich ereilen, also missachte es, sprich: Das Insulanische ist ohne Anfang. Auf dieser Höhe kannst du ekstatisch sein, ausflocken. Stell dich dem Wahn, dem Kitsch der Insel. Bilde weitere Sätze der Form: [Artikel] + [subst. Adj.] + ist ohne Anfang.

Nackt im Park, des Mantels beraubt, des Morgenmantels: fast bin ich nah genug, den Frieden des du zu verlassen. Erzeugt mich, Dämonen, durchseiht meine Haut, meine Organe mit euerem Rogen. Tragt mich zum Meer, bevor die Nacht kommt und alles schwarz macht. Denn wie soll ich leuchten ohne den Tran der Wale. Wie das Vergeigte meiden, den haarigen Bauch des Verpeilten, wie je identisch sein, ohne die Farben des Mantels, den man mir wegnahm. Den schönen, bedruckten, vom Saum bis zur Schulter mit Tieren und Pflanzen besetzten. Das Bildnis des Künstlers im schäbigen Hausrock, in Jeans, dürrbrüstig unterm Lacoste-Shirt; Ende des Wachtraums, Drogen nun alles und Tropen, das Weltall ein schwaches Funken, 5K entropisches Blasen, Babeln und Brabbeln an allen Ecken. Oh Hase, du friedlicher Mümmler, Bruder des Torf, Lamm des Idioten: hab acht, schiebe das Löffelohr über den lyrischen Hügel – die Wahrheit ist Flachland, ein Schnappmaul, dein hübsches Fell ist ihr Pelz, dein blödes Auge ihr Staat und dein Schädel ihr letzter, verlogener Gral vor den Toren von Go.

Steffen Popp, 10.8.2004


siehe dazu auch:
Eine Auslassung zum Morgenrock des Dichters von Monika Rinck
Abschweifung I: Denis Diderot über seinen Schlafrock
Abschweifung II: Berühmte Dichter in Schlafröcken