verewigte Coctails
eine Lesung mit Raoul Schrott in Wien

7 Jahre war es her, daß ich eine Lesung Raoul Schrotts besucht hatte – und nun saß er da – in der Wiener Schmiede vor einer Handvoll Gäste und alles schien wie damals: große Literatur, weitausholende Erzählungen, ferne Länder, allumspannendes Wissen... und ich nahm Anteil und es schien verwunschen: als wäre keine Zeit verflossen ...das schien einleuchtend: war Schrott doch ausgezogen, um das Unsterbliche zutage zu fördern: die über zwei, drei, vier Jahrtausende sich erstreckende Poesie fortzuschreiben. würde Lyrik, die sich stets so ungegenwärtig gegeben hatte, die Verewigung suchte noch im Anekdotischen, zeitlos bleiben?

da war es wieder... das satte Betonen der Wörter, ein rollendes R und eine Zunge, die über die Lippen schleckte, wie selbstverständlich er sumerisch vortrug als sei es ein vertrauter muttersprachlicher Dialekt, von sizilianischen Wäscherinnen, den Sarrazenen, der arabischen Herkunft des Sonetts redete, von der Welt da draussen erzählte (Theos schnauft, die Geliebte ("gibt es was schöneres Menschliches als das Weibliche?") klaubt Flakons im Hotelbad, Auguren deuten aufs Geviert: oh... Höhlentiere der Jäger: famos numinos) – – ..ja, Kreuzbravzüge eines Reiseführer-Philologen! wunderbar und poetisch einhertrabendes Wissen (auf den breitesten, den unvergänglichsten Kanonpfaden)... als folgte immer noch ein weiteres Diabild, schau: Poet vor Sonnenuntergang und heiligem Tempel.

wo aber waren die Metaphern, die Metaphern, die dem poeta doctus zufolge das Poetische ausmachten? darf man denn, ungegenwärtig hegender Pfleger eines globalen Gärtchens, dachte ich, überhaupt die Metapher aufs Schild heben? ist das nicht gallische Anarchie, gälischer Römer du? öffnet die Willkür eines jeden Vergleichs, die erzwungene Verschmelzung von Disparatem in der Metapher nicht a priori Tür und Tor für Haufen von en-tropischen Schweinereien, die alle welthaltige Beschreibung in einen Sauhaufen aufgewühlter Bedeutungen verwandeln? (sie reinlassen? aber vielleicht steht das dem Poeten besser, als geordnete Gehege zu rechen oder schnurgerade Spuren über die Welt zu ziehen) (Metapher!) – ist die Erde nun orange wie ein Apfel oder der Poet blau wie eine Birne, du Unvergleichlicher?

Adieu, dachte ich, und trieb auf meinen Gedankenschollen fort... wir steigen niemals zweimal in diesselbe Lektüre... (hatte ich nicht einst im Widerstreit mit einem sich abplagiagenden Verehrer Schrotts, dem selbsternannten Erotomanen aller russischen Übersetzung, geschrieben, “daß der schrottsche anekdotisch-prosaische Ton - und sein “Schöpfer-Ich” sich zwar stärkten mit Fremdem und Kulturgeschichtlichem -– der Autor aber die jus-primae-noctis-Geste eines coctailschüttelnden Barmanns nicht aufgeben würde”?) – – und dann – erlösende Metapher! – verglichst du, Poet, am Ende der Lesung, den Himmel und seine Schichten mit einem Coctail. ergingst dich in Farben und Geschmäckern, fordertest von dieser entspannenden baywatch-Phantasie jungfräuliche Hingabe.

ja, wer mit seinem in Tinte getauchten Speer Wasser, Weib und heiligem Gesang nachjagt, aber selbst Reim, Lied, Ass- wie auch Dissonanzen meidet, als wäre jeder Klang ein Gassenhauer – und jeder Pfiff, sprich: gewitzter Wind im Gedicht gleich ein Kalauer... der wird am Ende die Laute zu lau zupfen, die Lyra zu prosaisch traktieren.. doch hab Dank für die Metapher! du versöhntest mich schlußendlich – mit der vergangenen Zeit – ich bin grunzzufrieden und winke dir zu: ist die Welt der Poesie auch unendlicher Fall, das Gedicht ein All von Schweinereien, ein Sündenfall der Verfehlung, meinetwegen verhohlene Scharlatanerie, so doch auch alles was Heil zuspricht und erzeugt immer noch mindestens (hohlen) Knall nach Zusammenprall mit dem Leser...


Hendrik Jackson