notizen zu einem literaturwochenende in berlin:
poesie und wissen: literarische neugier und die wissenschaften, 14. und 15. mai 2004 (literaturhaus)

die lange nacht der lyrik, 15. mai (theater unterm dach)

im körper meines dichters, musil in meinen ohren


sehr schön, das pferd, wie herr grünbein es vorträgt, zu besuch bei descartes, ich sehe, wie unter dem fell filigrane blitze huschen, nerven wandern. neuronale netze, hexameter und das lungenmuster - die metrik, der atem, der tusch der synapsen. der moderator spricht von witz, vom "wit" des in den wissenschaften aufgefundenen, ich verstehe "hits" und verstehe finden. 32.890 in 8 sec - till human voices wake us, and we drown.

der dunkle studienstall, das elektrische licht, ich sehe die stunden. wohl. ich sehe die stunden an ihren schuhen. die schuhe sagen alles aus. ich weiß, den körper macht es nicht schöner. auch meinen nicht. die monologische blässe der akademie, vielleicht ist es alleine die lehre, die die professoren rettet. is this how poets look like? die musilsche abschweifung kommt in den sinn: müssen menschen mit ihrem körper übereinstimmen?

ulrich, der auf seine erscheinung, (die musil nicht müde wird, uns als ungemein virile zu beschreiben, die kubischen glieder, zum delight englischer schneider) - eifersüchtig ist, "wie auf einen mit billigen und nicht ganz lauteren Mitteln arbeitenden Rivalen" - und der uns draufhin folgende reflexionen liefert:
".. merkwürdigerweise hat die Mehrzahl der Menschen entweder einen verwahrlosten, von Zufällen geformten und entstellten Körper, der zu ihrem Geist und Wesen in fast keinen Beziehungen zu stehen scheint, oder einen von der Maske des Sports bedeckten, die ihm das Aussehen der Stunden gibt, wo er sich auf Urlaub von ihm selbst befindet. Alle diese gebräunten und muskulösen Tennisspieler, Reiter und Wagenlenker, die nach höchsten Rekorden aussehen, obgleich sie gewöhnlich ihre Sache bloß gut beherrschen, diese Damen in großer Kleidung oder Entkleidung sind Tagesträumer und unterscheiden sich von den gewöhnlichen Wachträumern nur dadurch, dass ihr Traum nicht im Gehirn bleibt, sondern gemeinsam in freier Luft als ein Gebilde der Massenseele körperlich, dramatisch, man möchte in Erinnerung an mehr als zweifelhafte okkulte Phänomene sagen, ideoplastisch gestaltet wird." (Kapitel 68)

sagen wir: der ideoplastische körper der dichter. er kam hinzu, als körper auf die tagung, er ist ja schon da, wenn man selber da ist und in verschiedener hinsicht: die schnittstelle körper, ein triangel, eigentlich ein mobilé aus triangeln geknüpft. die wissenschaft vom körper, beispielshalber die neurochemie, der forscher, der gegenstand, der erzähler, seine figuren, die sprache, der körper, die welt, die wahrnehmung und wieder die sprache, der gesprochene körper:

sagen wir auch: die geschwindigkeiten, das ticken (es tickt ja nicht) des limbischen systems, vorauseilende übertragungen, intuitives und déjà vues - die quantenmechanik im eigenen kopf, diskrete pakete - dann wieder: das gedächtnis der organe, sedimentierte erfahrung, all jene schichten, und sie zu schreiben. da kann ich sagen: das ist mein hintern, das kommt vom sitzen, vom denken, vom tippen. ein stehpult vielleicht - ich stell mir doch kein stehpult nich ins kämmerchen, in meine esoterik-bude - ein stehpult vielleicht aus plexiglas, ein stehpult, das aussieht, als wäre es von apple entworfen, ja vielleicht.. dann aber wieder: wohin mit dem restlichen zeugs - das dilemma des so enorm fordernden neuen morgenrocks von diderot - was soll man denn tun

what's your poison?

heraus aus dem studienstall: es kommen die dichter, abends um neun, ins "theater unter dem fach", schlägt mir mein handy vor, unter dem dach, verbessere ich, jetzt senden? jetzt senden. vorerst am bistrotisch über den formularen stehen, vertragspartner eins, ein höfliches gedränge (bitte den stift haben?) wie über einem futtertrog, in druckschrift namen und anschrift. einmalige, zweifache ausführung, ja, bin ich denn die einzige hier, die steuern zahlt?

plauderflügler, ein kleiner schwarm in steter bewegung. schwierigkeiten mit der fokussierung, zerstreut zwischen zwei gesprächen stehn und grüßen, immer wieder in die runde. freunde kommen, und freundinnen, sie haben jacken an, taschen dabei. die aura unter der kapuze. das publikum bereits im saal, das publikum bereit, die autoren kommen jetzt bitte auch herein. wer sich nicht in die erste reihe setzt, soll sich über vordermänner nicht beschweren.

dieses theater hat ein ungemein schweres dach, das sich tiefer in die räume wölbt, als es wirklich ist. eine stimmung, als müsste man am nächsten morgen wieder kommen, stühle rücken, kisten tragen, ecken fegen, muss man nicht, man muss ja nicht. die lange liste lyrik, reihenfolgen. den studienstall wie ein lautlos knackendes modul zum pult hintragen, zettel, bücher auf den tisch, ein transparenter käfig, francis bacons pinselstriche im quadrat. zu anfang, den blick ins publikum. dann die stimme. guten abend. zwischen acht und zehn minuten, manchmal zwölf, manchmal sieben. takt. mein gott, die sind halt jünger. die sind aber auch blass. das hab ich also gemacht. das ist die ernte, mit apokalyptischem zungenschlag zu sprechen. das alles. das bisschen. nachher tanzen wir auf diesen kacheln, flüstert L. und lacht und zeigt in richtung bühnenbild. dann die pause, manche trinken brause. hast du spaß? du hast doch spaß? dichter in zwei teilen. bier-bevorratet wieder rein gehen. du musst gerade was sagen, weil, wenn sich jemand auskennt mit dauer, dann du, mister-24-hours. da lacht er wieder und sagt: mach dir keine sorgen.

nach der lesung, viertel nach 12, von schleppenden kosmen durchquert, teilweise beschleunigt, ein kaleidoskop als hamsterrad. mein very personal abendland dreht sich um die eigene achse. auf orte aufgeteilt, deconstructing the group into taxis, verlaufsformen und peers. ihr seid auch mit dem fahrrad da? was schön war, was weniger schön war, was da war, was nicht. du hast zu kurz gelesen, du hast zu schnell gelesen, du hast sehr gut gelesen, du hast nicht gut gelesen. da hat dann wohl der lektor versagt. das geschah vermutlich unter zeitdruck. die trockene luft. das ist doch bekannt. finde ich nicht. nein, nicht in die eckkneipe, eckkneipen sind nicht Ausgehen. sind sie doch, man muss nur lang genug dort bleiben. du willst lieber lounge und laut? das hat samstags zu. dann eckkneipe.

ich bin ungarin, sagt O. äußerst schlagfertig, und als das nicht auszureichen scheint, um den skeptischen blick der kellnerin zu befrieden, setzt sie hinzu: und ich habe geburtstag! - während ich aus der mitgebrachten flasche, ein geschenk, unicum in unsere leeren biergläser fülle. wir stoßen an, verlogene brüder und schwestern. später stellt sich heraus, dass es die kellnerin ist, die als einzige wirklich geburtstag hat, und sie kommt, nach einigem zögern, mit einem kleinen glas an unseren tisch, wo wir versuchen, sie zu ihrem langvergessenen ungarn zurückzuquatschen. was du deinem körper antust, das tust du dir selber an. ich hab gelernt zu unterscheiden. kleinste intervalle. ansonsten passiert der abend revue und wieder revue, und dann wieder. du hast zu schnell gelesen. du hast in llana damals aber auch zu schnell gelesen. jaja, nich ja. mit dem tageslicht kommt eine alles atomisierende reue, disparatesse, welthabe in splittern, lichtreflexe. ich hab das alles nur erzählt, um mich interessant zu machen, nichts davon ist wahr, ich schwöre, kein wahres wort - wir müssen trotzdem versprechen, zurück zu kommen. der körper is taking over. ich bring ihn gut nachhause.

medusa mein pony

wieder zurück in den studienstall. sag ich mal: den diskurs wie einen stall bewohnen. das hanfseil um den hals, träge, kaum beweglich ich, während die neuronen funken, lampenlicht, trübe, gelblich angemachte stalligkeit, weben, spinnenweben, texte weben, delete texturen, noch einmal von vorn, futterbrösel, stäube, die zusammenhaften vom insektenspeichel, das malmen meiner backenzähne, wilde linien, kalk und horn, der tag ist mir ein dämmern. denken. denken. die sprache jenseits des verstandes, wie geht jetzt das bewußtsein aus, ich geb ihm auslauf, es soll mir was bringen, und zwar was gutes. ich denke, ein ausschwärmen in unwegsamen gelände, vielleicht galapagos, vielleicht favelas, schäppige bauten aus folie, aus resten, aus müll und stryodur, getackert, duct-taped - wann kam das plastik in die welt - fragte ein ungarischer dichter. was war an dem tag, als plastik geboren wurde? es wurde nicht geboren. deutsche wissenschaftler mit weissen bärten - ja, wenn ich bärte hätte, dann sähe ich ganz anders aus. bücher aus regalen ziehen, stapeln. kippen. über kabel stolpern.

draußen herrscht wetter, denk nich mal dran, denk nich mal dran, da raus zu gehen, schlampe, sag ich mir und schließe den vorhang. endlich mai. rain in may. versions like rain. die immer wieder neue version. das ist noch nicht gut, das ist noch nicht richtig, daran musst du morgen weitermachen, hach, endlich ein wort gefunden, dass sich auf MENSCHLICHE reimt, das wort heißt TRENNSTRICHE. soll mir keiner kommen und sagen, das reimt sich nicht. ich denke: ein denken, das schön macht. eine formel, der beweis bittschön, dass schönheit und wahrheit das gleiche sind - bitte herr keats, übernehmen sie.

aber zurück: poeta doctus - ich habe alle sprachen. das heißt, ich hab sie nicht. sie haben mich. die metaphern prüfen, weil sie funktionieren sollen - den thesaurus der exakten wissenschaften immer bei fuß, die erfindung der algebraischen geometrie sagte herr reichert (himmel, ein moderator wie ein prisma) war eigentlich, und da hat er recht, ein zutiefst poetischer akt. aber neben mir: der große atlas der welt, neben dem dornseiff, dem diktionär, die bodenpflanzen des waldes, das lexikon der wasserstraßen, tiere und pflanzen europas, das alte physikbuch, der großen brehm, den meine großartige großmutter mir vererbte, was brauch ich noch, wenn ich beweisen will, dass medusa ein pony war? jetzt ist es nicht die wissenschaft alleine, doch es ist auch die wissenschaft. dann wieder das zimmer. der ausgesperrte helle tag. ich will jetzt etwas in die höhe zwingen und es soll stehenbleiben dort:

das e in elegie

- hochflut also sag ich, bläue, weite und volumen, durchschwärmt von diskursen - und darin etwas finden. das eine finden. die empirische einbildungskraft, das einbildungskräftchen, das kleine kräftchen, mit seinen kurzen stämmigen beinen, angesichts dieser überfülle, von der es umgeben ist und aus der es gleichermaßen gemacht ist, aus der es besteht. das bestehen, aus dem ist dieses weltall. der flammenreiche pfuhl erquickt den salamander. dann die hypothetisierenden vernunft auf abwegen, losgeschickt, voll druffgeschickt, wie man in der pfalz sagt, druffgeschickt - und auf dem schreibtisch, vielleicht tassen, neigen, vielleicht flaschen, gläser und ascher, das fenster, der vorhang, irgendwann dann, für einmal, für heute (let s call it a day) die waffen gestreckt, (sind ja nur finger, sind tastaturen) und in den pyjama von gestern hinein. schlafen. am nächsten morgen weitermachen. ich krieg dich, du vers du. ich mach dich. müdigkeiten.

das e in evolution, sagte herr grünbein, sei das gleiche e wie in elegie und übrigens auch das gleiche wie in entropie. die sestina hingegen, sagte herr pastior, lehre dem hirnforscher das denken, die kombinatorik der eingefleischten logik, but for a prize. a prize. dem hirnforscher der zukunft, der sich über sestinen beugt, als archäologe einer anderen gattung. science fiction. nicht dass es um human voices ginge (and we drown) - wir wollen stimmen zweiter ordnung erheben. der hexameter sei das leitmedium der metaphysischen dichtung, sagte herr grünbein. das heißt genauso: das leitmedium, die geschichtlich gewordene rhythmik eines paradigmas. so kommt es daher, das sind seine schritte. schön auch: darwins - wie war das - kohledunkle augen - das bergwerk der taxonomie, i ve seen it all, der abgrund zoologischer augen, dann die labiale konsonanten-explosion am altersblinden plotin - der welt mangelt es an der beschreibung. es ist ja nur: die nachahmung einer vorstellung von nachahmung. "ach, mimisch, mimetisch, wer weiß", sagte frau christensen mit ihrer himmelhohen stimme, seiltanz und balance, und auch das e in eleganz gehört dazu, hab ich da gedacht.

alma maters durchgeknallte kinder
und viel später dann, das podium lange verklungen, an der bar, dem anderen toxischen sprachstand, kommen sie plötzlich in das gedächtnis herübergelaufen wie ein dunkles SINNBILD des poeta doctus: DIE UNI-IRREN. jede universität hat sie. die FU hatte mehrere, die streunten durch die rostlaube und über das freigelände. einer trug ein komisch geschnürtes gewand aus mülltüten und ging ohne schuhe. ein anderer, ein aufgedunsener raskolnikow - sein aggressives betteln im foyer, sein schleppender schritt, seine scheppernde stimme. dann der schmale soziologe, dem kampers dekonstruktive anthropologie endgültig den verstand geraubt hat. oder der hochaufgeschossene arno-schmidt-maniac aus der cafeteria. dann der andere mit dem papiernen, gebräunten teint und den eingefallenen wangen, der noch immer eine ledertasche mit sich trug, darin - was war drin? Derrida war drin.

und so deutlich zu spüren darin: der abglanz einer nicht mehr zu fassenden fülle - so wie es einem auch als gesundem menschen gehen kann, der sich in der bibliothek umschaut mit protection shields down: die fülle dessen, was man nicht weiß, nicht wissen kann. panik. einen moment lang. dann wieder die anderen, die gespenster auf der schattenseite des akademischen diskurses. alma maters durchgeknallte kinder. von der wissenschaft durchquert und wieder ausgespuckt. schwer geworden von lektüre, systeme bildend, gegen die sich das hegelsche wie eine hundehütte ausmacht. systeme verkantet. ein anderer, direkterer zugang zur wissenschaftlichkeit, auch ein falscher. alles hergenommen und rübergeschafft in einen anderen kontext. ornamental dekontextualisiert.

völlig verloren. brabbelnd. vor sich hin redend. traurige versatzstücke eines jahrzehntelangen studiums. fall-out. herausgefallen. manchmal kam ich ins gespräch mit dem ein oder anderen davon - und ohne mich der psychopathophilie verdächtig machen zu wollen (ich weiß, dass es da draußen schrecklich ist) - war zwischen den paranoiden konfabulationen der ein oder andere satz, in dem wissenschaft, lektüre und verlorenheit mit einer anderen, neuen qualität eine sentenz bildeten; doch ja, ich scheue mich nicht, es zu sagen: poetisch. in a way. you re all i ever wanted but i'm terrified of you.

ceterum censeo: das lyrische ich esse delendam

m.r.