sehnsucht nach wasser bei vogelerwachen
ein paar ungerechte randbemerkungen zum literarischen märz 2007


ich lieg im gras und denk mir was. von gewinnen noch von verdienen zu sprechen, wäre übertrieben und eine qualitativ auf- oder absteigende reihenfolge ist ebenfalls schwierig festzustellen; es bekommen also zugeschrieben in gleichmäsziger low-line Christian Schloyer, Andrea Heuser und Nora Bossong die diesjährigen preise des literarischen märz: mit blümchenlyrik und dem verdacht auf literarischen gehalt in ihren texten. es gab viel vogelgezwitscher, nicht einer der zwölf autoren kam bei seinen eingereichten gedichten ohne geflügelte worte aus. die liste zählt unvollständig, aber in lesefolge die fliegende fauna der 2007er texte auf.

kolibri, vogel, flügelpizza, entengrütze, zwillingsmöwen, milan, (verlust/ ihr federn), gefiedert, schmetterlinge, der tote vogel, schwäne, kolibri, schmetterling, (engel), bienensommer, motten, hummeln, tauben, vögel, amselchen, taube, aaskräh’n, rauchschwalben, (ich habe den namen der grossen vögel vergessen), mauersegler, amseln, tauben, mückenschwarm, krähen, möwen, fliegengerassel, seewespen, straussenaugen, marienkäfer, raben, amsel, drossel, rabe, spatz, adler, täubchen...

zugrunde liegt eine debatte darüber, warum es nicht nur so viel naturdichtung in der jungen lyrik gibt, sondern darin ausgerechnet kolibris anstatt normaler tiere auftauchen. mein verdacht, dass man kolibris als bilderbuchabziehbildchen und poster-sorte schneller beziehen kann als heimische arten (und junge dichter heute kaum noch rotkehlchen von schwalben zu unterscheiden vermögen), erwies sich beim hören der Leonce & Lena-texte als falsch. aber der reihe nach.

ich bin zum zweiten mal in darmstadt, zum ersten und letzten mal beim literarischen märz. die ersten eindrücke von hotel und stadt: lange flure, weite, aber langweilige einkaufspassagen. wunderschöner blick auf tristes massenwohnen, eine kreissäge im hof lässt ein jähes ende der ohnehin kurzen, weil vor wettbewerbsaufregung kaum auszuhaltenden nacht befürchten. die geschäfte, wenn man das hotel für ein kurzes aufatmen vor Leonce & Lena verlässt, heissen „inferno“ und „destille“. für den preis eines darmstädter döners kann eine hartz 4 familie ein ganzes wochenende leben, ebenso für das trinkgeld, auf das jurorin Oleschinski später in bezug auf die 20 € teilnahmegebühr zu sprechen kommt. die scheints ja zu haben.

die waschechten darmstädterinnen — tatsächlich, es gibt welche; in anderen städten muss man nach einheimischen suchen wie nach der nadel im heu, hier aber stichts einem gleich ins ohr — sprechen eine art serbokroatisch mit ihren kindern und sehen aus wie dem orient entlehnt. vielleicht gehören sie aber bloss der russisch-othodoxen minderheit auf der mathildenhöhe an.

frisch und konservativ, dieser gegensatz, der in der vorab-diskussion über die natur des gegenwärtigen, jungen gedichts durch Burkhard Müller als einheit postuliert wurde, erwies sich als tragend fürs wettlesen: waren die beiträge frisch und unkonventionell, sträubte man sich, intensiver darüber zu diskutieren. „ich habe jetzt keine lust, mich damit zu beschäftigen,“ war bei einem beitrag der höhepunkt solcher unmutsbekundung. blieben die wettbewerbsbeiträge im konventionellen oder wussten ihre tollen einfälle (und es gab solche in genügend gedichten, auch in denen der preisträger) nicht zu steuern, machte die jury frische gesichter dazu und schwang sich sogar zweimal zu dem etwas überzogenen begriff „genial“ auf. dabei hatte Müller sicher gemeint: rückbesinnung auf konservative formen geht in ordnung, gerade auch nach viel postmodernem ausprobieren, aber die inhalte sollen nicht verstauben.

in der bestandsaufnahme zur gegenwartslyrik wurde weithin ein eskapismus der form (inhaltslosigkeit) zugunsten eines wohnzimmertums (nah am ich liegende stilleben) beklagt, was eine genauere untersuchung spannend macht: wo „spielen“ die gedichte? muss man dem parlando-ton, mit dem gedichte geschrieben werden, formlosigkeit vorwerfen? es kommt heraus, dass Richard Kämmerlings mehr oder weniger gern Grönemeyer hört, man sich im Draesner’schen sinne einerseits über sehr kleine dinge beugen, andererseits mehr wortfelder (die vögel) beackern solle. es stellt sich aber später auch heraus, dass es nicht immer gut ausgeht, wenn eine wettbewerbsjury stichworte wie naturgedicht, parlandoton und liedhaftigkeit von einer diskussionsrunde als argumentationsmaterial zurechtgelegt bekommt wie der chirurg das besteck.

damit man mich nicht falsch versteht: ich respektiere die entscheidung der jury und gönne den preisträgern die preise. gefallen hat mir bloss das laue an der textdiskussion nicht: mal keine lust, sich mit dem text auseinanderzusetzen, ein andermal gleich grösstes lob, dazwischen: widersprüche in ein und demselben statement oder zumindest behaupten von argumenten und nichtauffinden von belegen. mit „wir sind alle sehr ungeübt, uns in beziehung zu anderen zu setzen,“ bestätigte sich, was Meike Fessmann schon abends zuvor vermutet hatte.
der wettbewerb war lang, und streckenweise das lebendigste daran waren die bodenständigen mitarbeiter des darmstädter kulturamts: lustig, engagiert und froh über kunst und künstler zu gast in ihrer stadt. das restliche publikum wurde müd und müder, der jury bei der meinungsfindung zuzuhören, aber auch allein wegen der länge der veranstaltung: text von morgens neun bis abends sechs schlaucht nun einmal.

den anfang machte Saskia Fischer, indem sie eine neue version ihrer eingereichten gedichte austeilte. schon hatte das podium etwas zu kauen: war nun die lyrik im blocksatz besser oder verlor sie in zeilenform. Oleschinski unterschied zwischen zeile, vers und einfachem satz, konnte das aber (nur teilweise aus zeitlichen gründen) nicht weiter am text demonstrieren, ebenso diffus blieb der jury, worin es in den gedichten ging; einzig die richtung schien klar: „diese frucht verführt zu nichts als dem ende!“ dass ich mit der „simplen sorte gala,“ die die „vertreibung eröffnete“ mehr kaffeemarke als apfelsorte assoziierte, muss am frühen morgen gelegen haben. in Fischers texten kam übrigens der umstrittene kolibri vor, aber nicht der einzige kolibri, Marica Bodrozic hatte wohl das gleiche bilderbuch gelesen: „die achseln rochen wie es sich gehört mann flog ich kolibri hinein!“ auf der einen seite und „ein kolibri kam unverwandelt/ in die gattung der träume hinein“ auf der anderen.

ganz unverwandelt die gedichte der Nora Bossong, die wirklichkeit feststellen, sie aber nicht deuten: „das jucken unter unseren füssen ist kein tannenrest, kein nesselblatt,“ sondern wohlmöglich nur fusspilz. „sie lässt ihre zähne knacken,/ zerspringendes eis“ wäre mir selbst sicher zur bewegung, zum movens, zumindest aber zu einem wirkungsvolleren, nichtsdestoweniger preisunwürdigen hauptsatz „das eis zerspringt“ geworden. ob, was Kurt Drawert zunächst fand, sich letztlich in der preisbegründung wiederfand, weiss ich nicht mehr. die gedichte, so sprach er, trügen einen „authentischen ton, der nicht mehr will als er kann“ — was mich spontan an einen historischen ausruf Burkhard Spinnens beim bachmannwettbewerb erinnerte: „dieser text will wenig und das gelingt ihm auch – beinahe.“

Mara Genschels im leipziger literaturinstitut erlernter technik kunstvollen laut-stotterns mochte man gern zuhören, ihr vortrag bewies grossen mut zur pause, das fand ich klasse, das liess die silben nur so klingen. das podium entschied jedoch: die klangqualität entspricht keiner inhaltlichen festigkeit. da war es wieder, das dilemma zwischen formflucht und kontentfluch. was ich mir an Genschels texten zumindest gewünscht hätte, wäre ein sichtbarwerden der sprechpartitur; die texte sahen von weitem aus wie ganz normale gedichte.

dann ich.
das publikum – und ich las doch auch fürs publikum, nicht bloss fürs podium – freute sich über die persönliche anrede, ich war der erste lesende, der ein kurzes guten morgen wagte, bevors zur sache ging. selbstredend hatte ich tolle texte eingereicht, sonst wären sie ja nicht ausgewählt worden. vielleicht aber waren sie zu unterschiedlicher natur, am ende des tages schienen mir diejenigen dichter im vorteil gewesen zu sein, die einen zyklus mitgebracht hatten. meine lyrik war einfach eine repräsentative mischung aus einem frischen manuskript, das vielleicht zurecht immernoch keinen verleger gefunden hat.

die jury war der ansicht, bei meinem programm, eine art brütt aufzuschreiben, zerfielen mir die gedichte unter der hand, oder, so Sybille Cramer, der text lösche sich selbst, je mehr wortfelder hineingerieten. „das funktioniert im schlager, aber nicht im text.“ dass argumente einer 'schlagerhaftigkeit' bei anderen autoren aus der gleichen jurorenrichtung als positiver umstand gewertet werden konnten, erstaunte mich später. Kurt Drawert fand, meine sprache biete keine widerstände; schnell bildete sich der vorwurf einer geheimsprache. einer der juroren, was wirklich nicht nötig gewesen wäre, was ich aber der ehrlichkeit wegen mehr respektiere als jedes laues gewäsch – einer der juroren verstärkte weit nach der veranstaltung seine einschätzung meiner lyrik ins negative und fand, es handele sich dabei wohl eher um unfertige sentenzen, wie eingefallen so aufgeschrieben.

nun denn.
die pause, die ich mir gönnte, war nötig, brachte mich aber um die hälfte des Popp’schen vortrags, die diskussion schwebte hernach um ein „radikales ja“ herum, das bildpathos wurde teils bemängelt, teils bewundert und man konnte nicht verstehen, warum sich diese gedichte von den texten unterschieden, die man aus einem buch des autors bereits kannte. „der autor, der uns diese gedichte vorgelesen hat, ist vielleicht der astralleib des Steffen Popp, der ‚ohrenberg’ geschrieben hat,“ vermutete Sybille Cramer und fand das „zum piepen“, aber nicht preiswürdig. sie glaubte fest daran, man habe sich einen spass mit der jury erlauben wollen und entschuldigte sich für „unsere elefantischen versuche, mit lyrik umzugehen.“
das war eins der wahrsten worte des tages – und Steffen Popp der definitiv bestangezogenste dichter des wettbewerbs. seine stiefel allein hätten einen preis verdient!

die geilste zeile des literarischen märz hingegen war diese: „er allein küsst jetzt den obelisk aus dem/ land des busens.“ zum schreien! mein nächster urlaub, versprochen, wird in Marica Bodrozics busenwunderland gehen! Norbert Lange hat Bodrozics „engel,... der ihm die lanze/ vor die iris hält“ wohl auch schon gesehen, denn er berichtet später von „cumshots dass/ sich das bild nach vorne schiebt.“ die jury war einigermaszen ratlos, die autorin wohl auch. „was mache ich hier,/ frage ich mich,“ heisst es an einer stelle. ihre texte sind „lektüre der seele“ und „ein sonntag unter den wörtern“ – wort zum sonntag, raunt mir freundin Ruth von der seite ins ohr.

die reaktion auf Andrea Heusers förderpreiswürdige gedichte habe ich mir nicht gemerkt, wahrscheinlich hing ich noch zu sehr im text. eingenickt bin ich jedenfalls nicht, denn was es an naturlyrik im wettbewerb gab, konnte man nicht spannender finden als bei Heuser, deren texte mit einer Elze’schen leichtigkeit daherkommen, kindheitserfahrung zu fassen kriegen, ohne dass einem das infinitive sprechen leid würde; texte aber auch, die sich, einzeln genommen, leider verlaufen, im nichts verlieren, auflösen, nicht lange haften bleiben als selbständiges werk, sondern hauptsächlich übers zyklische wirken. eigentlich möchte ich das auf platte haben, nicht als buch.

gleich an schloss sich Schloyers „als wolltest du sagen“-lyrik, eine poetische arbeit mit spiegelungen, klammerungen und oft nächstliegendem. „vorführung poetischer verfahren,“ hiess es vom podium aus, was klang wie „mehr aber ist nicht dran.“ ich fand die bildbeschreibungen Christian Schloyers eigentlich sehr schön, in einer für junglyriker etwas typischen, die fragilität des wortes hervorhebenden art vorgetragen und „aus dem aquarium betrachtet: ein wenig/ überbelichtet“ an stellen, wo man die bildvorlage zur ansicht nötig gehabt (und damit die lyrik umso weniger nötig gehabt) hätte, wo jedoch die juroren auf die aquarium-entsprechung „aurarium“ ansprangen. Leonce & Lena hierfür.

intermezzo zum beitrag Ulrike Almut Sandigs, bei dem alles hätte gut ausgehen und auf einen preis hinauslaufen können. die autorin liest: „es fehlt uns an stoffen.“ es kommentieren Jan Koneffke: „wunderschön anzuhören, wunderschön zu lesen, aber die gedichte handeln von nichts.“ Kurt Drawert: „die gedichte handeln von allem.“ Sybille Cramer: „es ist ein leerlauf, den die autorin nicht begründet. das ist eine poesie des ungefähren.“

so sehr sich sprechgesten gerade bei der eher in sich gekehrten lyrik häuften, so sehr motive oder konkretere dinge an unvermuteten stellen bei unterschiedlichen autoren wieder auftauchten, so schmerzlich vermisst wurde seitens der jury das politisch-historische. Renatus Deckert brachte eine leichte freude auf die schon textmüden gesichter des podiums, hatte sowohl politisches wie historisches im gepäck, entschlackte gedichte, die aber immer noch an zu viel adjektivischem hinkten, oder, soweit ich die richtenden begriffen habe, dann doch themen behandeln, die einer literarischen behandlung nicht bedürfen, weil sie wie die ruinen von pompeij als ruinen genügend wirkung ausstrahlen. liebe jury, du wolltest diesem bestimmten und dem dichter im allgemeinen doch nicht das thema verbieten? wo kann ich die liste verbotener themen nachschlagen?

und, liebe jury, hast du dich wirklich schonmal mit Rolf Dieter Brinkmann beschäftigt, oder hast du nur diese Brinkmann-etiketten, mit denen man alles zupappen kann? an René Hamann bleiben sie mit grosser sicherheit jedenfalls nicht haften, denn seine gedichte sind alles andere als zu was du sie machen möchtest. nicht, dass ich alles vom autor mag, aber ich halte Hamanns aktuelle gedichte für die gelungene umsetzung eines tons, der vorgibt lässig zu sein und tatsächlich gezirkelt ist, aber nicht überfrachtet. beziehungsgedichte. eine art fachsprachen-verdeutlichung nicht durch Stolterfoht’sche betrachtung von ausserhalb, sondern durch anwendung. Raoul Schrott fand „zu viele stil- und sprachschichten“ darin, war eventuell überfordert von einer „sprache, die keine form kriegt“ und die man vielleicht auch als blocksatz-prosa setzen könne. einfachstes mittel um zu sehen, dass dies eben nicht funktioniert, wäre, es an einem beispiel einmal auszuprobieren. ich habs getan.

und wir alle haben es getan. denn natürlich unterzieht man sich als autor einer unglaublichen anstrengung, wenn man sich einem solchen wettbewerb stellt. manche verkraften das besser, verkraften das scheitern an einer diskussion oder ablehnenden haltung besser, andere ziehen sich sofort zurück in ihr schneckenhaus, wieder anderen hört man die luft entweichen.

die luft beim literarischen märz 2007 war schon längst raus, als Norbert Lange endlich zum lesen kam. als letzter in der ausgelosten reihenfolge hatte er eine undankbare position und seine von einfällen übersprudelnden texte machten es ihm nicht leichter. Kurt Drawert geriet bei seiner anmerkung, Langes vortrag sei ihm nur ein sprachrauschen gewesen, plötzlich ins stocken und Sybille Cramers kritik am „kaiserbrötchen“ unterbrach sich selbst mit einem röcheln, das bereits nach einem im publikum anwesenden arzt ausschau halten liess. „die sprache als material wird abgeschlachtet, aber es ist ein blindes feuerwerk,“ konstatierte Drawert noch und machte deutlich, dass zu dieser ermatteten stunde keiner der anwesenden mehr in der lage war, im bild zu bleiben. zu viel, was Lange an vorbemerkungen und motti um seine langgedichte herum hatte. „dies hier die methode... aus eingequetschten tuben scherben,“ heisst es an einer stelle. „an dieser art von kommentar kann man den autor mühelos aufknüpfen,“ folgerte Brigitte Oleschinski und leider fühlte sich die jury noch nicht zu erschöpft, dies auch zu tun.

die meisten beleidigtheiten werden sich mittlerweile gelegt haben, das frühstück unter den autoren am tag danach verlief friedlich, manche waren bereits ein zweites mal bei Leonce & Lena in darmstadt, manche werden ein weiteres mal dort sein, für mich ist die sache erledigt. einzig meine freundin Ruth schimpft weiter über die ungerechtigkeiten, mit denen man eben leben muss, wie eine rohrdommel, auf der ganzen heimfahrt, während ich bereits überlege, was ich aus den vielen gefiederten freunden mache, die durch all die texte flattern.

Crauss, märz 2007