Alte Postkarten
"Das Treffen in Tutzing" begrübelt die Poesie im 21. Jahrhundert

Hans Magnus Enzensberger hat schon vor vielen Jahren beklagt, dass die kollegialen Unterhaltungen der jungen Dichter fast nie um Fragen der Prosodie kreisen, sondern eher um pekuniäre Dinge wie das luxurierende Dasein in Stipendiatenbehausungen. Erkenntnisgewinne stellten sich in der Lyrik-Debatte der letzten Jahre nur dann ein, wenn ein Autor den Mut zur Regelverletzung fand und mit Pamphleten der Konkurrenz zu Leibe rückte. Franz Josef Czernins Angriffe auf Durs Grünbein, Steffen Jacobs boshafte Auftritte als "Lyrik-Doktor" oder Matthias Polityckis Bekenntnisse zur lyrischen "Gegenreformation" waren - bei aller Eitelkeit der Akteure - Platzkämpfe mit Richtungssinn.

Jetzt hat Michael Lentz bei einem etwas großspurig angekündigten Dichtertreffen in der Evangelischen Akademie Tutzing den Versuch einer provokativen Lagebesprechung zur "Poesie im 21. Jahrhundert" unternommen - doch seine kritischen Einwürfe wurden sehr rasch das Opfer konfliktdämpfender Maßnahmen. Kaum waren Lentz' "10 Thesen zur Poesie" in Umlauf gebracht, hatte sie der von ZDF-Nachtstudio-Chef Volker Panzer moderierte Diskurs schon wieder bis zur Unkenntlichkeit relativiert. Lentz hatte von einem markanten Defizit an "Sprachüberraschungen" und "verqueren Inhalten" gesprochen und seinen Kollegen eine ausgeprägte Verzagtheit attestiert: "Keine Strömungen derzeit, höchstens Brisen und Rettungsschwimmer, kein Arschloch der Jahrtausendwende. Es herrscht weitgehend eine Bravheit, dass die Verdauungsorgane ihre Tätigkeit einstellen sollten." Den Ex-DDR-Dichtern wurde eine "benommene Art von Reprisenpoesie" vorgehalten, den im Klassizismus schwelgenden Kollegen eine "Kumpanei mit der Antike" und eine ausgeprägte Neigung zum Stillleben .

Genug Stoff also für klärende Auseinandersetzungen und Positionsbestimmungen. Durs Grünbein indes, auf den der Vorwurf der Kumpanei mit der Antike gemünzt war, war zum "Treffen in Tutzing" gar nicht erst angereist, und der Lyriker Jan Wagner, der ein Meister jenes von Lentz gerügten Stilllebens ist, griff in die Debatte um die "Thesen" nicht ein. Eine auffällige Diskussions-Unlust befiel die Dichter beim Blick auf "das politische Gedicht", ein Genre, das nach den peinlichen Ideologisierungen der Gattung um 1968 in jüngster Zeit brachlag. Lutz Seiler markierte in Tutzing denn auch einen prinzipiellen Widerspruch gegen die Kategorie des "politischen Gedichts". Dass aber auch in einem totgesagtem Genre noch Erkenntnispotentiale verborgen liegen können, bewies erst kürzlich der Lyriker Hendrik Jackson, als er mit einem Gedicht über Osama Bin Laden für den erbittertsten Lyrik-Streit seit Jahren sorgte.

In Tutzing jedoch ging die Konfliktbereitschaft unter den insgesamt fünfzehn Lyrikern und Lyrik-Experten gen Null - hätte nicht Raoul Schrott hie und da den Atem zur substantiellen Gegenrede gefunden. Als Michael Lentz und der Literaturwissenschaftler Friedrich W. Block zu einer Apologie auf die medientechnische Revolution in der Lyrik und die Wucherungen der "digitalen Poesie" ansetzten, war es Schrott, der die "parasitären Strukturen" dieser Kunstpraxis kritisierte. Die in Tutzing gezeigten Beispiele des "Poetry films", der "word movies" und "Assoziations-Blaster" offenbarten ein rein technologisches Materialbewusstsein, das die audiovisuellen Überwältigungs-Strategien der Computer-Kultur umstandslos als imaginative Leistung reklamieren will.

Das befremdete Tutzinger Publikum hielt sich denn auch lieber an Bewährtes: an die immer in unmittelbarer Kitschnähe sich verortenden Liebesgedichte und die Charme-Offensive eines Wolf Wondratschek; oder an den routinierten Leistungskomiker Robert Gernhardt, der aber nicht nur seine akklamationsbereiten Evergreens servierte, sondern mit lakonischem Sarkasmus überraschte: In einer Abteilung seiner "K-Gedichte" seziert sich das lyrische Ich mitleidlos als moribunden "Krebskrieger".

Vielleicht sollte man von einem auf TV-Tauglichkeit geeichten Lyrik-Symposion (das ZDF-Nachtstudio wird am 30. Januar 2005 Auszüge senden) keine poesietheoretischen Offenbarungen erwarten. Aber wenn schon innig die "Streitkultur" beschworen wird, dann darf es schon ein bisschen mehr sein als das - von Lentz zu Recht gerügte - "Anschauen alter Postkarten".

Michael Braun