Blumen an meiner Tür

(Friederike Mayröcker zum 80. Geburtstag; aus dem Akademietheater)

Montag, der 20. September 2004 im Akademietheater: Es gratulieren der Suhrkamp Verlag, die Alte Schmiede, die Grazer Autoren Autorinnen Versammlung in und mit dem Burgtheater. Eineinhalb Seiten, kleingedruckt, umfaßt die Liste der Buchpublikationen Friederike Mayröckers, vierzehn Namen die Liste der Autoren, die eingeladen sind, aus Mayröckers Texten zu lesen. Im Publikum hat die Kollegenschaft sich eingefunden, vor allem in den vorderen Rängen, auch ein paar Nichtautoren gibt es, die zu signierenden Bücher vorweihnachtlich in der Hand auf und abschwingend. Ein Dichter bedauert, daß keiner die Eintrittskarten abreißt, irgendwie unseriös, der Dichter vor mir fordert den Dichter hinter mir scherzhaft auf, nicht zu schwatzen, noch weiter vorne geraten zwei Dichter an eine rabiate ältere Dame, die um ihren Sitzplatz bangt, die Dichter im Parkett werfen den Dichtern auf der Bühne ermunternde Blicke zu.
Über die Köpfe werden Mikrophone und Kameras geschwenkt; als die Vortragenden eintreten, wirkt bereits das Platznehmen (Durs Grünbein trägt einen schwarzen Anzug mit breiten weißen Streifen und kommt neben Wendelin Schmidt-Dengler zu sitzen, Marcel Beyer ist der linke äußere Rand zugefallen) wie Teil einer ausgeklügelten, gegen betriebsinterne Animositäten rücksichtslosen Dramaturgie. Es sind dreizehn, auf etwas fragilen Sesseln um etwas fragile Tischchen herum gruppiert, eine ins Paradox des Nichtplauderns und der Nichtgemütlichkeit gesteigerte Wiener Kaffeehaussituation.
Die Geladenen haben die Texte selbst ausgewählt, jeder das Seine, ein ehrfurchtsvolles, höflich-domestiziertes Stimmengewirr: Klaus Reichert hat viel englisches Wortgut zu bewältigen, Barbara Köhler liest heiser ein Gertrude-Stein Gedicht, Elfriede Gerstl und Bodo Hell lassen das Wienerische zu seinem Recht kommen, Alfred Kolleritsch ist für Thomas Kling eingesprungen, dessen von Marcel Beyer freundschaftlich gedacht wird; Oswald Egger liest eingekehrt, So vor mich hin, das Gedicht steht ihm gut zu Gesicht. Petra Morzé, die Schauspielerin, hat ausladend blonde Locken und schlägt apart die Augen auf gegen das Publikum: mein Bübchen! Die Tafelrunde auf der Bühne gibt sich ritterlich: ein respektvolles Zuhören, zirpende Andacht, von Dichter zu Dichter, einander bald das Gesicht bald die Schultern zukehrend. Dabeisein ist alles, aber nicht alle Anwesenden sind dabei, eine etwas zweifelhafte, aber zweifelsfrei funktionierende Huldigungszweckgemeinschaft.

In der Pause tauschen sich zwei Dichter über Steuerfragen aus, versehentlich trete ich auf ein wichtiges Kamerautensil, mein Begleiter entschuldigt sich für mich, ich habe den Fehltritt nicht einmal bemerkt. Dann geht die Vorstellung weiter: eine schwarzgekleidete Dame – kommen Sie endlich von dieser Farbe los, Frau! – vor faltenrot fallendem Vorhang, hinter einem kleinen Tischchen verschwindend und zu sich findend, die großen Zusammenhänge, die großen Bedeutungen gehen mir ab. Teil zwei des Abends zeigt die Autorin im Zwiegespräch: Gertrude Stein, Derrida und, immer wieder, der Lebensgefährte Ernst Jandl, der nun leben muß mit seinem Leben nach dem Tod. Warum hat er seine Pfeife verschenkt?, damals, an Bodo Hell, der, eben noch auf der Bühne, nun zuhören darf aus dem Parkett, man sieht ihn von hinten, das unverwechselbare Mienenspiel seiner Glatze, und alle wissen, daß er gemeint ist: ein Lacherfolg.
Manches hätte man lieber nicht so genau erfahren: Die Briefe und Telephonate der Mayröcker und die Umstände, die sie begleiten, Giuseppe Zigaina ruft mich an, Peter Pessl schreibt mir einen Brief, in dem es heißt: deine Aura, eine weiße Aura, war so groß, daß ich nicht gewagt habe, dich anzusprechen... Man schämt sich für Peter Pessl, der sich wahrscheinlich nicht schämt, ich möchte nicht Peter Pessl sein. Ist das nun gruselig? Oder großartig? Gefällt es der Mayröcker? Wie sie beglücken? Man wünscht sich Stimmung, aber Stimmung kann man sich nicht wünschen. Oder vielleicht kommt sie erst jetzt auf, beim Nachlesen und Nachdenken zuhause: Ist dieser Vers tatsächlich gefallen? Wem hat er gefallen? Wo ist er hingefallen? Ist das Stimmung? Stimmt das? HABE GERADE DIE SPRACHE ERFUNDEN RASENDE SPRACHE, ist der Name der unveröffentlichten Prosa, aus der Friederike Mayröcker vorträgt, der Text ist zuende, an einer Stelle, an der er auch hätte beginnen können, und das spricht nicht gegen ihn.
Nun darf man klatschen, ein langer Applaus, alle sind aufgestanden, ich freue mich nicht über Blumen an meiner Tür, aber da ist er, ein riesiger Blumenstrauß, ein junges Mädchen im Publikum lächelt selig wie jemand, der sicher ist, daß er etwas Großes erleben darf; sie freut sich und man freut sich mit ihr, freut sich, daß sie sich freuen kann, ja überhaupt scheinen Abende wie dieser über ein ansteckendes, von Gesicht zu Gesicht sich fortpflanzendes Geflacker von kleinen Konsensmomenten zu funktionieren, und ich ließ mich von meiner Sprache tragen, das begleitet einen nun, wie ein Summen, ins Freie hinaus, und vorher, beim Sicherheben aus dem Theatersitz, hört man noch Meinungen mit: „ein schöner Theaterabend“... Und das bringt die Sache, weil es so verkehrt ist, vielleicht auf einen vorläufigen Punkt.

A. Zina