SOLCHE SÄTZE machen mich RASEND!
– eine kleine Umfrage unter Autoren und Kritikern –

Nach der Umfrage im letzten Jahr zur Relevanz des Universalienstreits für die heutige Zeit und die heutige Lyrik, hat lyrikkritik auch dieses Jahr wieder eine kleine, persönliche Umfrage gestartet und 10 Autoren und Kritiker befragt, von denen fast alle geantwortet haben. Wie die Autoren/Kritiker antworteten, d.h. abschweifend, unwillig, als Kritiker oder als Begeisterte war ihnen ausdrücklich völlig freigestellt. Die Frage lautete:


"Welchen Lyrikband der letzten 10 Jahre würdet ihr ENDLICH gern wieder einmal lesen - und warum (aus der Erinnerung heraus, ohne nachzuschauen) und, zweiter Teil der Frage: welcher Lyrikband war der letzte, der Euch wirklich so beeindruckt hat (durch eine Zeile oder das ganze Buch), dass er euch womöglich immer noch durch den Kopf geht (und was ging da vor sich, in euch, in sich)?

Wie gesagt, ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir antworten könntet,
nehmt Euch kurz Zeit, es muss nichts Großes sein, obwohl das natürlich auch
geht (...)"

Natürlich impliziert die Frage ein wenig die Vermutung, es gäbe DAS eine Buch. Obwohl ich den Akzent ein wenig anders setzen wollte mit meiner Frage, schwingt so etwas dennoch in einer solchen Umfrage mit. Dagegen haben sich einige Autoren wohl zu Recht gewehrt. Ihre Antworten aber, o List der Lyrik, lassen gleichwohl ahnen, dass es zumindest für gewisse Phasen im Leben dann doch sehr herausragende, besondere Bücher gibt. Aber lest selbst (in der Reihenfolge des Eintreffens, die persönlichen Anreden wurden, wo es ging, herausgenommen):

 

 

Ron Winkler

Das wahre schöne Eine? Das sofort als solches ermessbare unermesslich reichhaltige Buch, zentrales Zirkulat unter periphereren Bänden? Das poetische Über-Du der letzten Jahre? Die Monstranz, die sowohl den Fatalisten befriedigt als auch den Schwirrformensemantiker? Die die Gier des Ironiker stillt, wie auch den an der Einheit von Klangschönheit und Gedankenwundersamkeiten sich stillenden Romantiker erleuchtet? Gibt es das?
Gibt es das irgendwie? Den Band, den man liest und sagt: ich brauch keinen andren nicht? Den Volker Braun Christensen Falb, den rinckschen Jeffrey McDaniel? Einen Paulus Böhmer in der Manier Jan Wagners?
Wohin trägt einen so eine papenfüßige Frage? Vielleicht zu Nora Iuga, um sich diverse Hirnbereiche gehörig durchsurrealisieren zu lassen? Oder zu Matthea Harvey, wegen einem gewissen sich fein verästelnden Wow? Ein Buch, mit dem man wispern will: verweile noch einmal, du warst mir so neu? Oder: du warst mir so fremdartig ähnlich.
Den Impuls gibt es immer wieder: die Suche nach dem Was und dem Wie und dem Warum. Dem Warum auch für einen selbst. Weshalb konnte man womit infiziert werden, konfisziert, wodurch inauguriert? Es gibt sie, dieses Bücher, ja. Ich würde gerne noch einmal in dem Gedichtband lesen, dessen Qualität ich vielleicht übersehen hab.

Uwe Tellkamp, Reise zur blauen Stadt.
Eine zauberhafte Bilderflutweltreise durch höchst animative Seltsamkeiten. Phantastisch, aber zugleich überaus seinsnah. Plausibel knistert die Irrealität, lässt das Profane funkeln. Nicht anders als mitreißend, dieses Gespinst. Fabulierlust und ungravitätische Geste.

 

 

Martin Endres

10 Dichter/Kritiker - 3 Fragen

Meine Antwort hat ungewöhnlich viel mit Deiner Frage zu tun - in dem Sinn, daß ihr Wortlaut nicht nur (wie üblich) Anlaß gab, sich Gedanken zu machen, sondern zugleich einen Hinweis enthält auf das Buch, das ich als erstes nennen möchte.
.....Ich soll schreiben, welchen "Lyrikband" ich "ENDLICH" wieder einmal lesen möchte und "warum (aus der Erinnerung heraus, ohne nachzuschauen)", und weiter, ›was da vor sich ging, in mir, in sich‹. So seltsam es klingen mag, aber die Zitate formulieren eine für mich besondere und in sich komplexe Auseinandersetzung mit Literatur und Sprache, die bis heute andauert und - ohne mich genau erinnern zu können - vielleicht mit diesem Band ihren Ausgang nahm. Es handelt sich um Oswald Eggers "Prosa, Proserpina, Prosa" (2004).
.....Ein Konflikt, den ich seit (10?) Jahren bestreite, ist die Klassifizierung und Kategorisierung poetischer Texte nach naiven Traditionsrastern. Nahezu jedes allgemeine Kriterium, das einer trennscharfen Bestimmung der Gattung ›Lyrik‹ dienen soll, wirkt allzu bemüht angesichts dem individuellen Gedicht - und hilft meist nur der Narkotisierung sowie der aktiv und von ihm selbst betriebenen Entmündigung des Lesers. Eggers (Lyrik?)-Band führt den Widerstand gegen dieses heimelige Ordnungssystem der Dichtung bereits im Titel: Prosa soll er enthalten und eine römische Gottheit in seiner Mitte.
.....Ich soll nun aber nicht ›nachschauen‹, nur aus der ›Erinnerung heraus‹ schreiben, was mir dieser poetische Text ist und warum ich ihn wieder einmal lesen möchte. In Wahrheit ist mir dies nicht möglich. Denn Eggers ›Prosa‹ bewegt sich im Wortsinn, ungebunden, geradeaus, ohne Erinnerung, ohne Gedächtnis. Nachschauen kann ich also nicht, da der Text keine Spur zieht, sich jedem Gedanken eines Bewahrens und Wiederholens versagt - das (als Paradoxon) einzig Erinnerbare des Textes ist, daß er Sprache als absoluten Vorgang erfahrbar macht, daß sie uns in diesem Sinn immer voraus ist, wir ihr nachsehen und nachschauen müssen und nicht auf sie zurück, daß selbst etwas, das geschrieben steht, in einer uneinholbaren Bewegung (un)begriffen ist und bleibt. Eggers Text ist daher derjenige, der bereits in Deiner Frage seine Antwort enthält: ›was da vor sich ging, in mir, in sich‹, ist dieses absolute Vor(aus)gehen der Sprache.
.....So ist auch das in Majuskeln geschriebene "ENDLICH" das Wort, das für mich im Widerspruch und Widerstand auf Eggers Band und auf das Singuläre von Dichtung hinweist: Ich sollte ›endlich wieder einmal‹ die Erfahrung machen, daß am Ende kein Abschluß der Auseinandersetzung mit einem poetischen Text möglich ist, daß prinzipiell jede Erinnerung daran unmöglich ist und sich anläßlich der Gefahr seiner Feststellung verbietet - und daß eben darin die Möglichkeit seiner Wiederholung liegt.

Der Lyrikband, der mich gegenwärtig beschäftigt und zu dem ich mich in unterschiedlicher Form geäußert habe, ist Anja Utlers Band "jana, vermacht" (2009). Bezeichnenderweise thematisiert auch er die Frage nach der Möglichkeit des Erinnerns und des Sprechens aus einer ›Erinnerung heraus‹. Utlers Gedichte sind Zeugnisse für das Verstummen angesichts der bis heute unnennbaren Massenvernichtung im Dritten Reich. Dabei sind es nicht die Gräuel des NS-Regimes, die einen sprachlichen Ausdruck erhalten, sondern das Versagen angesichts ihrer geforderten Vergegenwärtigung. Das ›Vermächtnis‹ einer Großmutter an ihre Enkelin hatte Utler in ihrer Mainzer Poetikdozentur vorgezeichnet und mit dem Janusköpfige der Dichtung als einem sprachlichen Bemühen um Präsenz und Gegenwart verbunden. Wie bereits in ihren letzten Gedichtbänden ist auch hier die Problematisierung der Artikulation das poetische Movens, die dabei auch Körperlichkeit, Stimme und Atem einschließt. Die Rede ist ein physisches Ringen, sie stottert vorwärts, bricht ab. An den Frakturen und Amputationen der Worte wird jedoch ein Ich sichtbar, das zwar nicht einmal seinen Namen aussprechen kann und doch ›all seine Äußerungen begleitet‹.
.....Was mich daran so nachhaltig beeindruckt, ist die Radikalität und Authentizität, mit denen Utlers Gedichte über eine gewissermaßen nicht zitierbare Rede den Grund einer jeden poetischen Äußerung freigeben: das, was als immer Unaussprechbares diese besondere Sprache erst verlangt.

 

 

Jan Wagner

Was den ersten Teil der Frage angeht, nenne ich gleich zwei Bände - allerdings beide von Tomaž Šalamun, beide übersetzt von Peter Urban und kurz hintereinander (nämlich 2003 und 2004) in der Edition Korrespondenzen erschienen, so daß Du sie vielleicht als Einzelband durchgehen läßt: Die Auswahl "Vier Fragen der Melancholie" sowie die frühen Gedichte "Aber das sind Ausnahmen". Warum? Weil die kostbar gestalteten Bände rot und gelb im Regal leuchten und mich daran erinnern, wieviel Spaß es vor Jahren gemacht hat, sie zu lesen - und weil ich erst vor kurzem wieder auf jenes frühe Gedicht Šalamuns stieß, das so unvergleichlich souverän einsetzt: "du bist ein genie tomaž šalamun/ du bist herrlich du bist schön". Der für mich beeindruckenste Einzelband in den letzten Jahren war (so großartig viele andere Bücher waren) vermutlich der sehr gewichtige Band mit sämtlichen Gedichten des 1998 verstorbenen Ted Hughes (Ted Hughes, "Collected Poems", Faber & Faber 2005) - eine Schatztruhe, die nicht nur die berühmten Sammlungen enthält, also beispielsweise "Crow" und "Wodwo", sondern darüberhinaus auch die nur als Privatdrucke in kleineren Auflagen publizierten und deshalb bislang unerreichbaren Bücher sowie alle verstreut veröffentlichten und nie zuvor gebundenen Gedichte. Was beim Lesen so vieler Hughes-Gedichte vor sich geht? Eben das, was Emily Dickinson ganz knapp formulierte: "If I feel physically as if the top of my head were taken off, I know that it is poetry."

 

 

Marion Poschmann

die Frage kommt mir schwierig vor, denn die Gedichtbände, die ich gerne wiederlesen wollte, HABE ich auch wiedergelesen, so daß das spekulative Element, also was ich darin wiederzufinden vermute nach einer Zeit der Erinnerungstrübung oder -verdichtung, nicht so einfach auszuformulieren ist.
Mir fallen zwei gelbe Bücher ein: "singtrieb" von Norbert Hummelt habe ich tatsächlich länger nicht gelesen, weil seither vom Autor weitere Bände erschienen sind, die in der Lektüreliste "vorgingen", und würde ich wiederlesen in Erwartung einer ausgefeilten Technik brüchigen Reimgebrauchs, die, so erinnere ich es, in diesem Band mit dem Zauber, dem beschwörenden Schmelz und der Überraschungsgeste der Neuerfindung auftritt und gleichzeitig auf klassikerhafte Weise einleuchtet. Diese Form der lockeren Reimbindung, die lautliche Wiederholung und Abweichung, die Bilder nicht produziert, sondern sehr suggestiv herbeiruft, hat mich damals in der Kombination mit dem Thema der Wahrnehmung, der Sinnestäuschung, der Logik des Visuellen sehr beeindruckt. Wie die sprachliche Gestalt Klang-Erwartungen weckt und enttäuscht, gilt die inhaltliche Arbeit den unerfüllten, unerfüllbaren Erwartungen an die Wahrheit des Sehens.
Vogelidentifikationen, singen und fliegen: romantische Wünsche, in der Dichtung immerhin bruchstückhaft eingelöst, natürlich nur annäherungsweise, natürlich selbstreflexiv und Scheitern inbegriffen. Wenn ich es wiederläse, dann nicht zuletzt wegen der urkomischen und tieftraurigen Sittiche; aber die Sittiche kann ich auswendig.
Leider fällt "singtrieb" nicht in die geforderte Kategorie der Bücher der letzten zehn Jahre, denn es ist schon 1997 erschienen.
2001 dagegen erschien "Nichts, das ist" von Oswald Egger, und es kommt mir komischerweise verwandt vor, obwohl ein vollkommen anderes poetisches Konzept verfolgt und verfochten wird und man sich mit Vergleichen natürlich sofort in Teufels Küche bringt. Trotzdem: Vogelidentifikationen. Vogelsprache. Ich habe "Nichts, das ist" gelesen und gehört, als könne Oswald Egger die Sprache der Vögel verstehen und gäbe ein solches fremdes System, das durch Schönheit, Redundanz, Undurchdringlichkeit und eine Art vertrautes Geheimnis besticht, in menschlichen Worten wieder, die seltsame Übersetzung eines nicht abreißenden Gesangs.

 

 

Steffen Popp

Welchen Lyrikband der letzten Dekade würde ich gern wieder hervor holen und ausführlich studieren –und warum?
Zunächst den folgenden: Gottfried Benn, Gesammelte Gedichte, Klett-Cotta, 6.Aufl. 2006. Endlich einmal sämtliche schwülen Phäno- Paläo- und Exotismen aussortieren und vielleicht Übergangenes heben.
Auch die "Winkelzüge" von Elke Erb wollen seit Längerem mit Muße wiedergelesen (und teilweise erstverstanden) werden. Dieses Werk allerdings: Galrev 2000, also nur noch knapp im veranschlagten Zeitfenster.
Wäre die Lektüre nicht permanent von Deja-Vus durchschossen, würde ich gern "Wie Alpen" von Steffen Popp wiederlesen - hier wäre ein Erstverstehen allerdings eher zu befürchten als zu erhoffen.
Welch lyrisches Monument, welches geniale Rennpferd beeindruckte uns in den letzten Jahren außerordentlich?
"Sonanz" von Elke Erb, "BANCOR" von Daniel Falb. Einzelne Gedichte von Jachym Topol (1), Carsten Heinrich (3), Monika Rinck (mehrere + Rilkes erste Duineser Elegie, leicht eingedampft und in irgendeiner Mundart zu Gehör gebracht in Moskau 2005).
Intensive Lesungseindrücke von Oswald Egger in Lana, Marion Poschmann in Neuberg. Gutes, sehr Gutes gab es noch einiges - aber es war ja allein das wahrhaft Berührende gefragt, da fand ich kaum mehr.
Wer schrieb Gedichte aus Schlamm, machte aus Hausmüll Gold, bis es wertlos war, beregnete damit Pankow, Utah?
Wer piercte vor Selbstekel zitternd den Nabel der Welt, durchtauchte Meere im Ohr eines Wals, Gebirge im Hirn eines Wurms?
Wer querte sechsspännig, mit stampfenden Rossen Sibirien, schickte Gesänge von dort, stärker als Vechta, Dubai?
Wer endlich verewigte sämtliche Wesen, hörnte sie damit für immer?
Dies wären einige poetische Vorsätze fürs nächste Jahrzehnt. Da wir von beeindruckenden Werken (Taten) sprachen.

 

 

Gundi Feyrer

vielen Dank für die Ehre unter den von Dir Auswerwählten zu sein!!!!
ABERRRR: zum einen komme ich hier ja kaum an deutschsprachige Lyrik aus den
letzten 10 jahren (Geld, Entfernung...) und so KANN ich da wenig dazu zu sagen.
Ausserdem lese ich eh wenig Lyrik.
ABERRR: Sätze, die mir immer wieder durch den Kopf gehen, gibts genug!!!
So einen aus einem Physikbuch:

"Raum ist geronnenes Licht"!!!!!! oder auch "Zeit", da muss
ich nochmal nachgucken, aber man kann hier beides nehmen und also, ...
SOLCHE SÄTZE machen mich RASEND! vor Genuss.

Oder:
ich kopiere Dir mal den ganzen Abschnitt VOR dem herrlichen Satz, der mir immer wieder durch den Kopf geht - ist aber LEIDER AUCH weder Lyrik noch aus den letzten zehn jahren!!!! Sondern von Georges Batailles, aus dem Jahr...???? 1940???? ... müsste auch da nochmal nachgucken, falls es Dich interessiert:

"Das menschliche Universum hat sich also nicht geschlossen, wie ein grosses leuchtendes Nebelgrab, denn die unendliche Vielfalt der Erscheinungen hat mit Leichtigkeit die veränderlichen Perspektiven der Hoffnung angeordnet: Der Stern der Drei Könige erstrahlt immer in vollem Glanz, wenn er über dem zum Tod führenden Weg leuchtet. Jede Gestalt, der der Mensch begegnet, ist dazu bestimmt, Zeugnis abzulegen von dem Schicksal, das ihn unter dem Himmel seines Planeten trägt: sie muss irgendeine verständliche Antwort auf seine fast unsinnige Befragung bilden.

Die Langeweile gestattet es nicht mehr, weiterhin - wie eine Wespe - mit Ungestüm an der Scheibe zu zerschmettern. Sie verleiht gewissermassen dem Menschen, den sie bedrückt, die Möglichkeit, das Universum mit den hoffnungslosen und verständnislosen Augen der sterbenden Wespe zu betrachten. Aber während die Wespe, die ihren zerschmetterten Körper auf dem Boden wälzt, sich - gegen Ende einer langen Schwäche - nur vom Tod überwältigen lassen kann, hat der Mensch, den die Langeweile zersetzt, die Móglichkeit, aus seiner abscheulichen Erfahrung Schlüsse zu ziehen. Er hat nicht allein die ferne Erinnerung an die sprühenden Illusionen: In seinen ruhigen, aber in Richtung auf einen fliehenden Horizont verlorenen Augen verdoppelt das Bild des endgültigen Welkseins das Bild der Blume in ihrem Glanz. Er betrachtet dann die Welt der Illusionen mit träger Wut...
UND JETZT KOMMT DER LETZTE SATZ: Er hüllt sich in dumpfes Schweigen, und mit einer Freude, die ihn ängstigt, setzt er den nackten Fuss auf den feuchten Boden, um zu spüren, wie er in der Natur versinkt, die ihn vernichtet."
Wie er in der Natur versinkt, die ihn vernichtet..... ist das nicht umwerfend schön??? besser kann mans doch nciht ausdrücken, was das Wort LEBEN bedeutet, nicht???
jetzt kann ich das hier weder unterstreichen noch fett machen -

Also, fällt mir noch einer der unzähligen WUNDERBAREN Sätze von Dieter Roth ein - zartbesaitete Wesen stösst er wahrscheinlich vor den Kopf, auch ein Lieblingssatz von mir - aber WIEDER NICHT aus den letzten 10 jahren etc.... ist von Dieter Roth aus dem Jahre???? 70, 80??? er "geht "ungefähr so:

"Das Leben ist das Loch, das mich als Durchfall hat" ...

- er ist noch anders formuliert - reimt sich nämlich ..... - aber das Hauptsächliche ist schon so....

... in Sachen Lyrik der letzten 10 Jahre (und SOWIESO) bin ich wirklich nicht besonders bewandert..... Du siehst es. das sind Sätze, die mir auf Anhieb eingefallen sind!!! (Gut, den Batailles-Satz habe ich als Bild im Kopf.... mit dem Geruch von Erde - sozusagen...). Naja und den Physikersatz: da seh ich ein ganzes Universum!!!!, das mir Licht in die Hand spuckt!! (Man es in die Hand nehmen kann - nur Hand aufhalten und schon ist sie voll mit Licht!! .....ja, guck, das alles ist jetzt eiligst geschriebener Wirr-Krimskrams von mir..

 

 

Monika Rinck

ELKE ERB: SONANZ. wegen des vordachs und des knalls. wegen des wetters.
wegen fernen. der flöte auch. wegen der schäumenden giraffe. wegen witz.
wegen wegen.

"Denke: Knall."

Es war beim ersten Hören die Weltformel, oder eine Variante davon,
gemeint ist: eine Variante der Welt, nicht der Formel.

 

 

Marcus Roloff

Umlaute der Leere

Ziemlich genau vor vier Jahren stieß ich auf den Gedichtband eines Autors, der zwar hinlänglich bekannt ist, aber bislang weniger für seine Poesie: 39 Balladen von Martin Walser, die mit schön schrägen Zeichnungen von Alissa Walser unter dem Titel "Das geschundene Tier" 2007 bei Rowohlt erschienen. Rein quantitativ erschlossen sich diese durchnummerierten und überwiegend kurzen bis kürzesten Gedichtkonzentrate schnell, das heißt aufs Ganze gesehen unendlich langsam. Denn der Ton, den sie anschlagen, hallt ein Weilchen, und als ich den Band ein oder zwei Tage später rein zeichenmäßig durchhatte, legte ich ihn mit dem flauen und zweiflerischen Gefühl aus der Hand, solch (wie ich schon ahnte) umgrabende Bitternis überhaupt nicht erfasst zu haben. Nicht schlecht gemacht, dachte ich damals scheel, irgendwie Alterslyrik, Lebensabenddüsternis in tragisch-flapsigem Mantel, aber gar nicht übel, vor allem die Coolness, die fast schon übertrockene Abgeklärtheit im Formalen.
Jetzt mit der neuen Lektüre lässt mein Fremdeln diesen ‚Balladen' gegenüber langsam nach. Es sind ja auch keine Balladen im üblichen Sinn, sondern eher epigrammatische Verse in mehr oder minder regelmäßig gebauter Anlehnung an klassische Metren - was sein Scherflein dazu tut, einen wuchtigen Einschlag zu hinterlassen. Vor allem kommen hier meine geheimen Lieblingsthemen vor: das herrenlose, im Text verdampfende, handlungsunfähige lyrische Ich; und angesichts dieser Leerstelle die Frage nach Gott im Hier und Jetzt oder Heute und Morgen. Was schon damals gleich beim ersten Lesen einschlug, verfehlt seine Wirkung auch jetzt nicht - das Problem des idiotischen, verqueren Ichs: "Zieh mir, mich abzulenken von mir, die Haut ab / mit siedendem Öl. Ausrutschend im Gekotzten, / tanz ich." Der großschriftstellernde, seit einer halben Ewigkeit in den Top-Ligen präsente Autor dieser Zeilen bricht mir da völlig weg aus dem Gesichtsfeld. Was ich hier zu sehen bekomme, sind herrlich anonyme, Ich und Eins zermahlende Verse, die auch vor Rundumschlägen nach draußen nicht haltmachen. Hier phantasiert jemand den Totalabsturz, radiert das Ich aus ("Ich bin versenkt, versunken, kaure am Grund / […] ich bin mir unbekannt"), um bei aller Galle und Zerknirschung einer gegenstandslosen Musik zu lauschen: "Wie jeder ruf ich im Sturz: Gott sei Dank. / So überlebt er, die Melodie ohne Text." Der zuweilen schnippische, ätzende Witz täuscht nicht darüber hinweg, dass er über einer bodenlosen Illusionslosigkeit hängt, aus dem nur noch "das Staubsaugergeräusch [der] Seele" hochscheppert.
Alles zusammengenommen sind es bittere Wahrheiten, die Walser hier austeilt, und die dauernd ständig um ein Zentrum kreisen und wieder und wieder in mir auspendeln: "Schwärze, schönes Wort, und ziert jede Leere. / Ebenerdig begegnen mir Wünsche mit / verhüllten Häuptern, aber singend, singend / von der Schwärze und ähnlichen Umlauten der Leere."