Svein Jarvolls „Eine Australienreise“ – Entdeckungsreise zu einer Entdeckungsreise

LK: Lieber Matthias Friedrich, wie bist du auf den Autor Svein Jarvoll gekommen? Kannst du uns ein bißchen zu ihm erzählen?

MF: Im November 2013 stieß ich in dem einzigen Interview namens Gegengift [Motgift], das der Autor Tor Ulven mit der skandinavischen Zeitschrift Vagant führte, auf Svein Jarvolls Namen. Dieser sehr lange und ausführliche Text wurde 2014 von Bernhard Strobel für den Band Das allgemein Unmenschliche übersetzt und bei Droschl veröffentlicht. Im Verlauf dieses Gesprächs erwähnt Ulven einige Autorinnen und Autorinnen aus Norwegen, die ihn beeinflusst haben. Neben bekannteren Größen wie Jan Kjærstad oder Sigrid Undset gehört auch Svein Jarvoll dazu, dessen Namen ich mir wohl vor allem deshalb gemerkt habe, weil er in deutschen Ohren etwas ulkig klingt. Eine schnelle Recherche lieferte mir die Information, dass er 1946 geboren wurde und einige wenige Bücher geschrieben hat, darunter den Roman En Australiareise (1988). Der Klappentext zur norwegischen Ausgabe ist recht sparsam; aus unerfindlichen Gründen erinnerte ich mich an dieses Buch nur mit dem Stichwort “Labyrinth”. Aber trotz dieser oberflächlichen Assoziationen vergaß ich es nicht, zumal das erwähnte Interview mich mit Tor Ulven und dessen Kurzprosa vertraut machte, der ich mich dann auch am Ende meines Hildesheimer Studiums intensiv widmete. Als ich nach Greifswald ging, um dort Skandinavistik zu studieren, erinnerte ich mich wieder an Jarvoll, von dem es in meiner Bibliothek aber nichts gab. So kam ich mit einem Problem in Berührung, das bei diesem Autor immer wieder auftaucht: Seine Bücher sind kaum aufzutreiben oder, wie es sein Kollege Ole Robert Sunde sinngemäß formulierte, sie sind ‘so schmal und scharf, dass man sich an ihren Kanten schneiden kann’. Glücklicherweise erschien der Roman 2008 in der Serie Forfatterens Forfatter [Writer’s Writer], in der ein Schriftsteller, in diesem Falle Mazdak Shafieian, sein Lieblingsbuch vorstellt und es mit einem Vorwort einleitet. Ich kann sagen, dass dieser Essay, der in den Signaturen unter dem Titel Thanatos’ Habitus erschien, mein Eingang in Jarvolls Labyrinth war: Er hatte, so fand ich heraus, nicht nur diesen Roman geschrieben, den ich in den Händen hielt, sondern unter anderem auch einen Gedichtband (Thanatos. Ein polyphones Gedicht über den Tod, 1984) sowie die unkategorisierbaren Melbourne-Vorlesungen (1995), ein Buch, das zwischen Essay, Roman und Konzeptkunst schwankt und die heutige Tendenz zum autofiktionalen Schreiben vorweg zu nehmen scheint, weil darin ein Erzähler auftaucht, dessen Name der gleiche ist wie der des Autors; es gibt sogar einen Text über Tor Ulven. Mit dieser kurzen Zusammenschau möchte ich zeigen, dass es bei Jarvoll um Grenzzustände geht: zum einen um den Tod, in dessen eng gefassten Grenzen sich in allen Widersprüchlichkeiten das pralle Leben entfaltet, zum anderen um die Antipoden, Punkte, die so weit voneinander entfernt liegen, dass sie in ihrer Gegensätzlichkeit kaum greifbar sind, wie etwa Norwegen und Australien; nicht von ungefähr erinnern die geographischen Räume, die in dem Roman entworfen werden, an topographische Beschreibungen und Weltkarten aus der Antike und dem Mittelalter.

Dies ist auch bei der Australienreise der Fall, die aus zwei aufeinander zulaufenden Textpartien besteht. Bei der einen handelt es sich um die Erzählung des Reisenden und Odysseus Mark Stoller, der mit seiner dänischen Freundin Lone Øgaardmose erst Spanien, dann Irland und schließlich Italien bereist, ehe es ihn selbst nach Australien zieht. In der anderen geht es um Emmi, die in der australischen Einöde zusammen mit ihrer Freundin Alice ihren Vater Buster aufsucht und in dessen Hütte ein Buch über den norwegischen Entdeckungsreisenden, Ethnologen und Philologen Magnus C. Ztlohmul entdeckt, dessen Vorwort sie liest und das zaghafte Bezüge zum ersten Teil herstellt. Es ist nicht möglich, die wabernde Essenz dieses Romans zu fassen; ihn in das Prokrustesbett eines Plots zu quetschen, hieße, ihn auf etwas zu reduzieren, was er gar nicht ist. Eine Übersicht über die geschilderten Ereignisse kann auch nur als Einstieg in etwas Größeres dienen. Deshalb möchte ich einen neuen Versuch starten: Die Australienreise hat mit einer realistischen Erzählung, wie sie spätestens seit der Literatur des 19. Jahrhunderts üblich ist, nichts zu tun; sie ist nämlich eine Systemdichtung und entwirft ein Weltbild, dessen Anregungen in antiken und mittelalterlichen Texten zu finden sind. In den Melbourne-Vorlesungen, die sich nicht als Autofiktion à la Knausgård, sondern als literaturtheoretische Bekenntnisschrift verstehen lassen, schildert Jarvoll, wie er “im contra-Ockham-Geist” ein “weitläufiges Permutationssystem” entwirft, dessen hervorstechendes Merkmal die “Verknüpfung disparater Elemente” ist. Konkret ist hiermit vor allem die Buchstabenkombination M/S gemeint, also die Initialen des Ich-Erzählers, die auch noch in vielen anderen Akronymen auftauchen: “Merkur Sendebote”, “Morte Sicura” etc. (in einem Interview mit der Zeitschrift Vinduet erwähnt Jarvoll, dass es ungefähr 300 dieser Verbindungen im Roman gibt; ich habe nicht nachgezählt). Statisch oder schematisch ist an dieser Vorgehensweise jedoch nichts, denn Jarvoll setzt voraus, dass es innerhalb dieses Systems Veränderungen und Entwicklungen geben kann. Im 12. Essay der Melbourne-Vorlesungen findet sich folgende Beschreibung hierzu; alle Seitenzahlen beziehen sich auf die Seitenzahlen der Australienreise-Originalausgabe von 1988: Das System „ließ beispielsweise eine Katze stufenweise Veränderungen drastischer Art durchlaufen, von der heraldischen Katze auf S. 16, der Miezekatze auf S. 16 (der gleichen Katze), dem Löwen auf S. 17, der In-der-Tiefe-der-Treppenschlucht-Katze auf S. 39, welche auf der gleichen Seite zur mittelmeerumspannenden Katze wird, bis zu ihrer Abwesenheit in den kanonischen Schriften auf S. 216, ihrer apokryphen Anwesenheit im Buch Baruch auf der gleichen Seite, und ihrer unmittelbaren, erneuten Anwesenheit qua alphabetischer Katze auf der gleichen Seite, bis zum Ausgangspunkt der Permutationsserie, der unmittelbarsten Anwesenheit von allen, einer weiblichen Katze namens Omega, für die er in Australien die Verantwortung übernahm, mit M-förmigem Ohrenpaar und noch dazu mit M-Blesse auf der Stirn, abgebildet auf dem Staubbinder, dem Schoße des Permutators, auf der Veranda des Hauses, in dem sie beide wohnten, in Queensland, zur Linken eines Fensters, das sich, auf die andere Seite gedreht, auch als ein M erwies.“ Der Roman selbst bietet also einen Horizont, in dem sich Bezüge miteinander verknüpfen lassen; er ist eine offene Experimentierfläche, die einem ganz konkreten Thema Raum gibt, nämlich der auf den ersten Blick vielleicht absurd erscheinenden Frage, wie sich im Diesseits eine Jenseitsreise durchführen lässt, wenn der religiöse Bezugspunkt fehlt. Die Australienreise postuliert eine flache, horizontale Gegenwart und positioniert sich als Gegenentwurf zu Dantes Commedia, die ja in die Hölle, den Läuterungsberg und das Paradies unterteilt ist und somit einen vertikalen Raum entwirft. In dieser Gegenwart lassen sich zwar immer noch Korrelationen herstellen, aber sie sind längst nicht mehr so fix wie bei Dante, sondern viel verwirrender und willkürlicher, was aber nicht ausschließt, dass sie sich mit konkreten Dingen in Verbindung bringen lassen.

LK: Das ist eine Beschreibung, die mitten ins Herz dieses Projekts führt. Oder uns vielmehr auf die Reise mit Jarvoll schickt. Wie, meinst du, kann sich der deutsche Leser, die Leserin zurechtfinden in diesem Kosmos, dem anscheinend Literarizität wichtig ist, – und vor welche übersetzerischen Probleme hast du dich gestellt gesehen, wie bist du vorgegangen, um all dem gerecht zu werden (oder auch absichtlich nur einigen Aspekten?). Ich stelle hier mehrere Fragen, die sich nur punktuell überschneiden, aber auf die du vielleicht für dich sogar eine Antwort gefunden hast?

MF: Womöglich kann ich zu Anfang erst einmal kurz erzählen, wie ich dazu gekommen bin, diesen Roman zu übersetzen. Als ich damals, also irgendwann Mitte Oktober 2015, in die Bibliothek ging, um die Fernleihe aus Kiel abzuholen und anschließend an der Bushaltestelle wartete, schlug ich das Buch auf und las die erste Seite des ersten Kapitels. Ich verstand nicht viel, war aber aus unerfindlichen Gründen so davon fasziniert, dass ich zu Hause gleich zehn Seiten las, und so ging das in den darauffolgenden Wochen weiter. Allerdings entschloss ich mich schon ziemlich bald dazu, mich am ersten Kapitel zu versuchen, auch wenn das vielleicht eine zum Scheitern verurteilte Unternehmung war. Gesagt, getan: So kam es, dass ich mich in meiner Freizeit mit Reimen, de Gubernatis-Zitaten und allerlei Absonderlichkeiten befasste. Danach legte ich den Text erst einmal auf Seite, weil ich mich auch noch mit anderen Dingen zu beschäftigen hatte, und nahm ihn dann um Weihnachten wieder hervor, weil er mich nicht losließ. Diesmal hatte ich den Wunsch, das Buch möglichst bis zum Ende zu übersetzen, den Bogen so weit zu spannen, wie es mir möglich war. Von Verlagssuche war damals noch keine Rede. Von Dezember 2015 bis März 2016 saß ich an einem ersten Entwurf dieser Übersetzung. Natürlich hatte ich noch andere Dinge im Kopf, aber hauptsächlich war es diese Tätigkeit, die mich einnahm. Einen Eingang in Svein Jarvolls Labyrinth gab es für mich zunächst nicht; also musste ich mich auf mein eigenes Gefühl verlassen. Ausdrücke und Vokabeln, mit denen ich nicht klarkam, notierte ich auf Zetteln oder in einem Notizbuch; und irgendwann fand ich auch Bjarne Markussens Dissertation Romanens optikk (Universität Bergen, 2001), die mir eine große Hilfe war, weil sie bis heute die einzige wissenschaftliche Arbeit ist, die sich der Australienreise in extenso widmet. Hier stieß ich auch auf die Beschreibung des oben erwähnten “Permutationssystems” und auf eine Aufschlüsselung der intertextuellen Referenzen. Ein Roman, der so viel anzitiert, verfremdet und überwirft, muss auch im Deutschen so “kompliziert” wirken wie nur möglich; seinem Publikum (in diesem Fall also: erst einmal nur mir) wollte ich keine Zugeständnisse machen. Nun ist es leider so, dass Jarvolls Text bisweilen auf sprachliche Schichten des Norwegischen zurückgreift, die sich nicht übersetzen lassen. Ein Beispiel: Hier und da streut er gerne Riksmål-Formen ein, die heutigen Gepflogenheiten nach sehr antiquiert sind; das wirkt dann in etwa so zeitgemäß wie ein Text von Knut Hamsun oder von Henrik Ibsen. Generell sind Jarvolls Texte sehr bildungsgesättigt, aber niemals eitel-bildungsbürgerlich; dafür sind sie dann doch zu lebendig und zu frech. Und was noch viel wichtiger ist: Der Roman sucht eine Anbindung an die europäische Tradition. Das wird schon am Dante-Hypotext deutlich, der für die Australienreise ungefähr das ist, was die Odyssee für Ulysses ist. (In den vergangenen Jahren, habe ich mir sagen lassen, hat Jarvoll auch Interesse am Persischen gefasst, das er nach und nach erlernt; allgemein ist er im Linguistischen sehr bewandert. “Ich weiß nicht, wie viele Sprachen Svein noch kann”, sagte Ole Robert Sunde einmal bei einer Ulysses-Leserunde im norwegischen Fernsehen NRK, und das weiß ich auch nicht so genau.) V. a. die vielen fremden Zitate empfand ich als Hindernis, gar als Zumutung, aber als fruchtbare; einmal verbrachte ich einen ganzen Nachmittag damit, nach einer Übersetzung des Gedichts von Ausiàs March zu suchen, das Mark Stoller ganz am Ende des zweiten Kapitels erwähnt. Also brachte ich mir Katalanisch bei, mit dem Wissen, dass ich dadurch nicht nur Zugang zu Marchs Text, sondern auch zu vielen anderen Gedichten und Romanen bekäme. Bei anderen Gelegenheiten musste ich mir Hilfe holen, etwa bei dem griechischen Gedicht namens Apokalypse des MS, das in Marks Traum am Ende des achten Kapitels auftaucht und genauso konfus ist, wie man es von einem Traum erwarten würde; Dirk Uwe Hansen danke ich an dieser Stelle für seine Rohübersetzung, die ich an dieser Stelle ohne Zeilenbrüche wiedergeben möchte: “Nachdem ich die Erde fallen gesehen habe im All und alles, was danach, sah ich die Erde fallen wie ein Blatt eines schwarzen Baumes. Und unter dem Blatt schwarzes Holz. Und die See war nicht mehr und der Berg war nicht mehr und die Trikkebillepene waren nicht mehr und kein Slaps, keine lucubratio anicularum, nicht eines, das entstanden war. Und der Name war Nacht”. Jarvoll hat hier nicht nur altgriechische, sondern auch norwegische und lateinische Vokabeln verwendet; die “trikkebillepene” erschließen sich mir auch nicht (“trikk” ist die Straßenbahn, “bille” der Käfer, “pene” die Pluralform von “pen”, also “hübsch”; “slaps” heißt Schneematsch). Interessant ist hieran, dass Mark Stoller dieses Traumgedicht mit einem gälischen Wort (das ich nirgends habe wiederfinden können) namens “fis” charakterisiert, ein Wort, das in norwegischen Ohren lustig klingt, weil es “Furz” bedeutet. Ist das Gedicht also ein “Furz im Hirn”? Ja, aber nicht nur; der spielerische, oft von homerischem Gelächter begleitete Umgang mit Texten und Sprache ist ein Kennzeichen von Jarvolls Prosa.

In einem Interview mit der schon einmal erwähnten Zeitschrift Vagant, das den schönen Titel Normalerweise stehe ich um vier Uhr morgens auf trägt, erzählte Jarvoll 1997 von seiner Schreibweise, die sich vielleicht auf die Rezeption anwenden lässt, natürlich, ohne ein Gesetz zu sein: Ausgehend von der Betrachtung, dass er vor allem Wert darauf legt, “gutgeformte Sätze” zu schreiben, geht Jarvoll in diesem Gespräch auf seine Stilistik ein. Er erzählt von einer amerikanischen Doktorarbeit, die ich auch sehr gerne lesen würde, bislang aber nirgends habe finden können, in der es um die Rhetorik der Renaissance geht. Die klassische Einteilung ist bekannt: Erst kommt das Erfinden, die inventio, dann das Ordnen des Stoffes, die dispositio, und schließlich die sprachliche Ausformung, die elocutio. Der Verfasser dieser Doktorarbeit behauptet nun, dass die Renaissance-Rhetoriker diese Ordnung verkehrt hätten: Beispielsweise griffen sie sich eine stilistische Figur heraus, nach deren Eigenschaften sie den Stoff und schließlich das Erfundene sortierten. Etwas Ähnliches tut Jarvoll: Seine bevorzugte Stilfigur, wenn auch nicht auf der sprachlichen, sondern auf der inhaltlichen Ebene, ist das Anakoluth. Nehmen wir das Permutationssystem der Australienreise, in dem die Buchstabenkombination M/S viele unterschiedliche Dinge zusammenkommen lässt und das einen Raum für alle möglichen Dualitäten bildet, die auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen: Norwegen und Australien etwa, Dante und das literarische Milieu, das aus dem Oslo der Achtziger hervorgegangen sein mag, die Schichten der Vergangenheit und die glatte Gegenwart, das Vertikale und das Horizontale.

Es ist möglich, dieses Buch von Anfang bis Ende zu lesen. Es ist aber auch möglich, ein Kapitel zu überspringen und gleich mit dem nächsten zu beginnen. Man kann auch hier und da eine Seite lesen und dann weiterblättern. Wenn man dann irgendwann am Schluss des Romans angelangt ist und sich mit anderen austauscht, die ebenfalls so wagemutig waren, die Australienreise zu unternehmen, wird man feststellen, dass es tausend mögliche Lesarten gibt, aber keine richtige; so ungefähr formuliert es eine Wahrsagerin am Ende des neunten Kapitels, von der sich Mark die Karten legen lässt.

Und meine Übersetzung? Wäre es vielleicht angebracht gewesen, den Roman ins Deutsche zu bringen, indem ich mir mal hier, mal dort eine Seite herausgreife und dann so lange weitermache, bis kein Text mehr vorrätig ist? Ich denke nicht; vielmehr glaube ich, dass es notwendig war, streng von Anfang bis Ende, von Alpha bis Omega zu arbeiten, auch wenn der Schluss ja dank des um 180 Grad gedrehten zweiten Teils mitten im Buch liegt. Das Anakoluthische vollzieht sich eher in der Übersetzung selbst und ist auch kein strukturelles Prinzip, das meine Fassung stützt, sondern es tritt nur punktuell auf, hier und da; es punktiert den deutschen Text, leitet seinen Fluss in kleine Nebenarme um, anstatt seinen Strom zu begradigen, und erschafft eine Landschaft, in der das Abweichende das Gewöhnliche ist. Ob es sich nun um Mark Stollers Mischung aus gewitzter Vulgarität und fingergespreizter Eloquenz handelt, wenn er zum Beispiel seine “masturbatorischen” und alkoholischen “Ausschweifungen” in der katalanischen Sommerhitze mit dem Reim “ta en klunk og en runk” beschreibt, an dem ich mit Hilfe der volkssprachlich-erratischen Datenbanken von “Mundmische” – erfolglos – herumlaborierte, bis mir der Gedanke kam, es einfach mal mit “hicksen und wichsen” zu versuchen, oder ob er im achten Kapitel, das einen wahren Totentanz aus Bibelgelehrten, Zahlentheoretikern und Perversen aufführt, den Bischof und einen Lehrling in einer Sprache schwaduddeln lässt, die ein bisschen wie Oslo-Slang klingt und die ich in echt grobem Trierer Dialekt wiedergegeben habe, oft, aber nicht immer ging es mir darum, mich dem Original über Umwege zu nähern und dann zu schauen, was passiert, wenn ich das Original berühre: Beult es aus? Entstehen Verwerfungen, die ich vorher nicht im Blick haben konnte? Was passiert, wenn das Norwegische dem Deutschen begegnet: zwei Sprachen, die aus der gleichen Wurzel sprießen, aber doch anakoluthisch-verschieden, ja unvereinbar sind – die eine mit einem reichhaltigen volkssprachlichen Potenzial, die andere mit der knorrigsten und verworrensten Grammatik und einer Humorlosigkeit, die manchmal angenehm nüchtern, meistens aber ärgerlich und noch viel öfter bloß noch langweilig ist?

In einem ähnlichen Zusammenhang, nämlich im Essay 7 seiner Melbourne-Vorlesungen, erzählt Jarvoll, wie er zur klassischen Philologie kam: In den Siebzigern, als er in einer Schokoladenfabrik arbeitete und morgens und abends mit der Straßenbahn herumfuhr, trug er Weierholdts neunorwegische Grammatik des Altgriechischen mit sich herum und paukte Verbformen, Syntax und dergleichen; wenn er dann seinen Kollegen zuhörte, mit denen er die Schicht bestritt, fiel ihm öfters auf, dass sie in Figuren sprachen, die ihm noch kurz zuvor in seinen rhetorischen Studien begegnet waren; er bemerkte, wie sehr in dem, was wir in genau diesem Augenblick sagen, schon das steckt, was unsere Vorfahren sagten, und vor allem, wie, in welcher Form sie es sagten; so kam es, dass das Altgriechische für Jarvoll immer mit einem ganzen Netzwerk sinnlicher Empfindungen verknüpft war: “Schon Rabelais, der sagte: Grecque, sans laquelle c’est honte que une personne se die sçavant, ohne Griechisch kann niemand guten Gewissens von sich behaupten, er sei ein Gelehrter, in einer dieser fantasievollen Tropen, an denen er so reich ist, hatte sich, frei nach dem Gedächtnis, Alexander den Großen als Seifenkocher und Hannibal als Kesselflicker und Sokrates als Straßenkehrer in der modernen Welt vorgestellt; bei ihm – Rabelais – verbindet sich das Griechische mit dem Duft einer Wurst lokaler Provenienz. Es war für Jarvoll nicht schwierig, sich in die exaltierte ad-fontes-Wiederentdeckung des Griechischen durch die Humanisten des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts einzuleben und sich die feine, trockene Sensibilität vorzustellen, die ihnen während der mühseligen Lernphase zu den Füßen von Bombace, Bessarion und anderen beistand. Für Jarvoll war das Griechische verbunden mit dem Geruch von Schokolade, halb süß, halb bitter, sodass jede Süße einen Schatten Bitterkeit besitzt, bittersüß ist ein Januswort, die Härte und die Bitterkeit der Kakaobohne, die orchestrale Süße eines Geleetrüffels, sie schmilzt im Mund, bis ganz der Mund schmilzt.“ Die „trockene Sensibilität“, von der Jarvoll hier spricht, hat auch für mich als Übersetzer einen Sinn: Es gilt, mich in den norwegischen Text so gut einzuleben, wie es eben geht; es ist möglich, dass er mich an genau den Oktobertag erinnert, an dem ich ihn zum ersten Mal las oder an dem ich mich entschloss, mich übersetzend an ihn heranzuwagen; aber bei dieser Kavalkade sinnlicher Eindrücke kann ich nicht vergessen, dass ich ihn durch das Deutsche hindurch funktionieren lassen muss, auch wenn das heißt, dass ich hier und da die eine oder andere Bedeutungsschicht nicht werde mitnehmen können, sondern von anderswoher schöpfen muss, um ein Ergebnis zu erhalten, das zwar anders ist als das Original, sich aber jederzeit in seiner ganzen schillernden poiesis einem deutschen Publikum beweisen muss.

LK: Ich habe den Eindruck, dass dir das sehr gut gelungen ist. Oder sagen wir es so: deine Übersetzung ist voller neuartiger oder sehr alter Begriffe, die man bestenfalls nachschlagen kann, manchmal nur erraten. Der Sprachreichtum ist immens. Aber wir sprechen nur über das Komplexe. Zugleich gibt es ja immer wieder sprachlich erzählerische, leichte Passagen. Nichtsdestotrotz wirkt das Ganze dann, du hast das Wort selbst verwendet, konfus wie ein Traum. Was es davon aber unterscheidet, sind die vielen seltenen Begriffe, die regelrecht durcheinanderpurzeln. Anders als mit google und online-Wörterbüchern kann man es eigentlich gar nicht schaffen. Aber wenn ich mich nun nicht reinknie und Lust habe an der Aufschlüsselung aller möglichen Bezüge, ist es dann, kritisch gefragt, lesbar? Wie schafft man die Balance zwischen der Auskostung der anarchischen Lust am Einfall und der Notwendigkeit, zu recherchieren?

MF: Ich glaube, es war Frank Heibert, der gesagt hat, dass sich das Publikum erlauben darf, das eine oder das andere unverständliche Wort zu überspringen. Mir als Übersetzer ist das hingegen nicht gestattet. Eine Aufgabe wie Jarvolls Australienreise wird, zumal sie ein selbstgestecktes, nahezu idealistisches Ziel ist, nicht unbedingt leichter. Bei meiner Arbeit war ich daher nicht nur auf die Hilfe von Experten wie Dirk Uwe Hansen, sondern auch in einem größeren Ausmaß auf den Autor selbst angewiesen. Zum Glück ermöglichte mir der Verlag den Kontakt, und Jarvoll ist ein sehr höflicher Mann, der geduldig die manchmal seltsamen Fragen seines Übersetzers beantwortet hat. So schickte ich ihm im Frühjahr 2016 die Liste mit unbekannten Ausdrücken, die sich auf mehrere Seiten belief; außerdem stellte ich ihm gezielte Fragen dazu. Mit den Antworten zog es sich vielleicht auch deshalb ein wenig hin, weil Jarvoll für seine Recherchen die Bibliothek aufsuchen musste; schließlich waren seit der Veröffentlichung des Romans schon fast dreißig Jahre vergangen. Das Warten lohnte sich allerdings. In der Rückschau kommt es mir so vor, als könnten auch diese vielen seltenen Worte alleine eine Einführung in dieses vertrackte Buch leisten: Denn oftmals unternehmen sie eine Reise durch die Zeit. Sicherlich ist es etwas abgeschmackt, an dieser Stelle die berühmte Madeleine-Passage aus Prousts À la recherche du temps perdu zu bemühen, aber sie passt. Das einzelne Wort kann das Publikum der Australienreise oder mich, den Übersetzer, in eine ähnliche mémoire involontaire versetzen wie das trockene, lindenblütenteegetunkte Gebäck den Erzähler Marcel. Nur, dass die Erinnerung dann nicht in die Geschichte einer untergehenden, dekadenten Pariser Aristokratie führt, sondern geradewegs zwischen die staubigen Regale der Deichmannsken Bibliothek in Oslo, zu den “frenetischen Etymologisierungsversuchen” der Lexikographen, wie es an einer Stelle des Romans heißt, oder in literarische Texte, die wenig bis gar nicht oder, wie das bei Jarvoll häufig vorkommt, gegen den Strich gelesen werden.

Zurück zu den Listen mit den unbekannten Wörtern: Einige davon führen in überraschende Welten, wie der Ausdruck “Almains Kamm”, der am Ende des dritten Kapitels steht; mit einem ebensolchen ordnet sich ein Zugreisender nämlich das Haar. Wie soll das vonstattengehen? Ist das eine Marke, die mir als modisch notorisch Unbelecktem natürlicherweise entgangen ist? Mitnichten; Jarvoll schrieb mir, der Ausdruck bedeute, dass sich jemand mit den Händen die Haare kämme, was, wenn man es ins Französische übersetzt, sofort und erhellend zu François Rabelais’ Gargantua führt, über den es heißt: “après se peignoyt du peigne de Almain, c’estoit des quatre doigtz & le poulce”. In Gottlob Regis’ Übersetzung von 1911 heißt diese Stelle: “Darauf strält‘ er sich mit dem Schwäbischen Sträl, das sind die vier Finger und der Daumen.” Der “Sträl” wird in diversen Dialekt-Wörterbüchern (dem lothringischen, dem Schweizer Idiotikon) unter anderem als “Kamm” definiert. Es wäre zu verlockend gewesen, diesen seltenen Ausdruck direkt von Regis zu übernehmen (eine Lösung, die Jarvoll sicher gefallen hätte), ich allerdings blieb bei dem französischen Text und dessen Anspielung auf den Theologen Jacques Almain, der u. a. scholastische Werke verfasste; “Almain” kann aber auch eine Verballhornung des italienischen “al mano” sein, also “mit der Hand”. So führt eine einzige Unklarheit zu Dingen, die vorher vielleicht abwegig erschienen, etwa zum Dialekt, zur Kirchengeschichte oder zur Satire à la Rabelais. Soweit ich mich erinnere, schrieb mir Jarvoll später, dass er Gargantua etc. während seines Aufenthaltes in Australien gelesen hatte; dies ist eine mögliche Erklärung dafür, wie er auf diesen etwas absonderlichen Ausdruck gestoßen sein könnte.

Dann gibt es noch Wörter, die sicherlich als hapax legomena betrachtet werden müssen, denn sie kommen nirgendwo sonst vor. Oft ergeben sie sich aus verfremdeten, dialektalen Ausdrücken. Im zweiten Kapitel des Romans tauchen Listen mit rhetorischen Figuren plus die dazugehörigen Beispiele auf; als Exempel für den “Idiotismus” ist der sehr seltsame, bisweilen unaussprechliche Makrologos “bronkitteniokkedissan” aufgeführt, der sich nur teilweise zusammenreimen lässt: mit dem Namen einer Atemwegserkrankung, der auch im Deutschen ähnlich klingt, dann mit dem Wort “okke”, das so viel wie “klagen” heißt”; bei “dissan” bin ich mir nicht sicher. Jarvoll schrieb mir, dass seine Mutter diesen Ausdruck als eine Art Ausruf verwendete, der eben nur innerhalb der Familie zirkulierte und von dem keiner jemals in Erfahrung bringen konnte, was er bedeutete. Das dritte Kapitel dann enthält die Fabel über Narrenmark, dessen Freundin Fipselone vom Bösewicht Rulpp entführt wird; dieses bizarre, männlichkeitsstrotzende Märchen spielt in einer Art Schlaraffenland, dessen kulinarische Beschaffenheit bis in den kleinsten Soßenklecks beschrieben wird. Mir als Übersetzer stellte sich die Frage, was ich mit Ausdrücken wie “Surnapess” oder “Åbitsens land” anfangen sollte. Jarvoll verriet mir, dass sich das erste Wort aus zweien zusammensetzt: einmal aus der neunorwegischen Form für “surna”, als “surna” (“sauer geworden”) und einmal aus einer dialektalen Form für “piss” (die Übersetzung erspare ich mir); beim zweiten stört eigentlich nur das S, dann heißt es so viel wie “eine leichte Mahlzeit am Morgen”; bei mir wurde daraus das “Land des Kleinen Frühstücks”. Wie irritierend so eine kleine Abweichung von der normalen Schreibweise manchmal sein kann; Ähnliches stellte ich auch bei Ortsnamen fest, etwa bei “Liom”, einer Variante von “Lom”. Hier kam ich schneller auf die Lösung, vielleicht deshalb, weil es in den Melbourne-Vorlesungen eine Passage gibt, die complètement in einem artifiziellen Lom & Skjåk-Dialekt verfasst ist, für deren (provisorische) Übersetzung ich gleich vier mehr oder weniger genauso wie ich überforderte Norweger um Hilfe bitten musste, die wiederum Bekannte fragten, welche in den landestypischen Lokalgeschichtsvereinen engagiert sind und sich oft mit Mundart und den damit verbundenen Problemen auskennen.

So banal es auch klingen mag, es sind die Wörter, die einen Weg durch dieses Werk weisen. Manchmal nur einzelne, die aufflackern und gleich wieder erlöschen, manchmal aber gravieren sie sich förmlich ins Gedächtnis ein. Überhaupt lässt sich an Jarvolls Vorliebe für seltene Wörter nachweisen, wie sehr seine Bücher miteinander vernetzt sind. Das fängt bei den rhetorischen Fachbegriffen an (das Anakoluth erwähnte ich ja bereits) und setzt sich mit vielen anderen Termini fort, die geradezu aus alchemistischen Operationen hervorgehen: Die Wörter unterlaufen einen Transformationsprozess, an dessen Ende sie in einer fixierten, nahezu erstarrt-geronnenen Form erscheinen. Ein neuer Stoff ist entstanden. Seine Betrachtung kann zunächst Verständnisprobleme aufwerfen, aber wenn man ihn und seine Herstellung genauer unter die Lupe nimmt, erkennt man bald, aus welchen wunderlichen Schichten und Materialien er sich zusammensetzt. Deshalb auch der Titel des “Gelben Buchs”: Die Farbe Gelb, ob man sie jetzt als die Farbe des Urins oder des Goldes sieht, weist auf den alchemistischen Charakter der Australienreise hin. Vielleicht ist der Roman nur deshalb so sperrig, weil er sich auf den ersten Blick weigert, preiszugeben, aus welchen Teilen er sich konstituiert; aber eine genaue, auf Details, etwa auf einzelne Wörter oder Hypotexte konzentrierte Lesart, kann eine Antwort auf alle Fragen geben, die sich bei dem ersten Kontakt mit Marks und Emmis Abenteuern einstellen. Wie in einem Labor lassen sich diese Teile in chemischen Prozessen voneinander trennen und neu aneinanderfügen. Überraschend hieran ist jedoch, dass am Ende keine langweilige Tabelle mit den Aufschlüsselungen der einzelnen Elemente und Stoffe herauskommen muss; das Publikum, das sich der Analogie gemäß als Forschergemeinschaft betätigt, stößt auf die Erkenntnis, dass Jarvolls Schreiben so taktil ist wie alles, was einem im Alltag begegnen mag.

Aber wie kann man sich einem Text nähern, der zugleich so offen und so verschlossen ist? Hier möchte ich noch einmal für eine auszugsweise Lektüre plädieren: Wer den Verästelungen eines einzelnen Wortes oder einer Passage folgt, wird vermutlich mehr von diesem Roman mitnehmen können als jemand, der ihn in einem Happen zu verschlingen versucht. Das Unverständliche begreife ich also erst einmal nicht als Hindernis, sondern als Glück: Es fokussiert meine Lesekonzentration radikal auf eine einzelne Stelle, ein Schlagwort, dem ich dann nachgehe.

LK: Lieber Matthias, danke für deine fantastischen und wirklich aufschlussreichen Erläuterungen. Vielleicht belassen wir es – anakoluthisch – dabei, damit es kein eigener Roman wird (was ich ja wiederum reizvoll fände) ? Dein Schlusswort für heute?

MF: Vielen Dank, lieber Hendrik, für dieses sehr angenehme Gespräch. Mir ist deutlich geworden, dass mir als Übersetzer wohl kaum etwas anderes übrig bleibt, die „Australienreise“ selbst zu vermitteln; aber vielleicht regt das auch andere dazu an, dieses Buch zu lesen. Ein ungelesener Text ist noch kein Text.

 

Svein Jarvoll – Eine Australienreise, erschienen bei Urs Engeler, übersetzt von Matthias Friedrich. Reihe: Das Versteck im Verlag von Urs Engeler; www.dasversteck.com
Und: das Original

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