Unterwegs mit Polle und Fu – zu Karin Fellners letztem Gedichtband

Bisher sind die Namen „Polle“ und „Fu“ in der Literaturgeschichte (titelgebender Duos) noch Unbekannte. Das ändert sich nun mit Karin Fellners Gedichtband Polle und Fu. Wer also sind die beiden? Diese naive Frage wird im programmatischen ersten Gedichttitel direkt berichtigt: Wer ist Polle und Fu? Der Singular ersetzt den Plural, da so das enge Ineinandergreifen besser zum Ausdruck kommt: „Polle kommt vor, Fu geht nach. / Wie Kuckucke oder Uhren.“ Wir erfahren von ihrem „aneinander klammern, stoßen, freuen“ und begleiten sie auf einer rasanten, abwechslungsreichen Reise voller Wendungen und Wandlungen. Denn: „Wo zwei sind, ist Drittes“ heißt es im Gedicht Buch der Einfalt, wodurch sich einerseits die lesende Person als Drittes neben „Polle“ und „Fu“ eingeladen fühlt. Andererseits scheint die existentielle Notwendigkeit von Sprache als Vermittelndes zwischen Personen, Standpunkten oder Ansichten auf. Eine Metaebene, die sich durch den gesamten Band zieht.

In ihrem nunmehr sechsten Gedichtband Polle und Fu, 2024 bei der parasitenpresse erschienen und in die Lyrikempfehlung 2025 aufgenommen, zeigt die in München ansässige Lyrikerin Karin Fellner erneut ihre sprachspielerische Präzision. Seit Jahrzehnten ist sie mit ihren Texten, ihrer Arbeit als Lyrikvermittlerin und ihrem Engagement in der Münchner Lyrikszene präsent.

Der Band ist in sechs Teile gegliedert, die – bis auf den ersten – mit je einer Tuschezeichnung von Simone Cayé und mit kurzen Versen über „Polle“ und „Fu“ versehen sind. „Polle“ und „Fu“ bilden den Rahmen und zugleich den Leitfaden des Bandes, auch wenn die beiden Namen nur selten ausdrücklich erwähnt werden. Wir begleiten dieses verzahnte Duo durch einen 67-Seiten langen Band voller Sprachgewandtheit, Bedeutungs- und Buchstabenverschiebungen sowie Gesellschafts- und Naturbeobachtungen – in einer Sprache, die den „täglichen Wirbeln“ etwas entgegenzusetzen versucht.

Als Leitzitat des Gedichtbands wird der Eintrag aus dem Grimmschen Wörterbuch zum Wort „wechseln angeführt. Karin Fellner erhebt damit das Fluide, das Sich-Ändernde zur Maxime ihrer Gedichte. Auch „Polle“ und „Fu“ erscheinen als „stoffwechselnde Namen“, die keine festen Referenzen behaupten. Schlägt man „Polle“ und „Fu“ nach, wird man ebenfalls im Grimmschen Wörterbuch fündig: Polle bedeutet „boll-, pollmehl“, Fu bedeutet „pfui“. Im Sinne des fluiden Wandels bleibt die Zuschreibung von Namen letztlich zweitrangig – auch für das Verständnis der beiden Figuren im Text. „Polle“ ließe sich ebenso als jener umherwehende, für Allergiker*innen lästige Staubpartikel deuten, während „Fu“ an eine englische Abkürzung denken lässt, ohne dass eine dieser Lesarten entscheidend wäre. Die Bedeutung bleibt in Bewegung, ihre Vieldeutigkeit wird zum Prinzip. Es ist eben jene Vieldeutigkeit, die „Polle“ und „Fu“ in der Welt sehen, die sich vor den beiden aufbäumt.

Es geht darum, eine Haltung zu finden gegenüber einem erschreckenden Alltag und allgegenwärtiger Politik. Dieser Alltag hält immerhin nicht nur Schwere, sondern phasenweise auch glückliche Momente bereit. Beides lotet die Autorin via Polle und Fu aus. Dabei zeigt sich immer wieder eine gewisse Unentschlossenheit („nein-doch-aber-ja), eine Schwierigkeit, zu Entscheidungen zu kommen, was sich auch in vielen offenen Fragen ausdrückt. Oftmals mündet das in einen pessimistischen, erdenschweren Blick, so beispielsweise im Gedicht zu murmeln, oder in pointierten Szenen, wie zum Beispiel dem „hingerichteten Hain“, in dem „Polle“ und „Fu“ einen langen Dialog halten.

Die Momente der Heiterkeit ergeben sich in jenem dichterischen Ausdruck, der auf der Offenheit der Sprache und ihren Möglichkeiten beruht. Das Stehende („der Ver-Stand“) wird mit der Beweglichkeit der Sprache in Beziehung gesetzt. Auf diese Weise werden festgesetzte Bedeutungen sowie Welt- und Sprachbilder erkundet. Sprachlich lässt sich alles steigern, ins Heitere wenden („-heit, heiter, heiterst“) oder zumindest aus einem Winkel betrachten, der das Verbissene löst und es mal „unverbissen“, kindlich besieht, wie es es „Polle“ von „Fu“ fordert: „‚Komm, Fu‘, sagt Polle, ‚wir / müssen nichts müssen, sind einfach / Kinder, unverbissen.‘ Gerade in der Bewegung zwischen der spielerischen Sprachfähigkeit und der Kälte der Wirklichkeit werden die Grausamkeiten und Missstände umso sichtbarer: Das Leichte in Polle und Fu lässt das Schwere nicht verschwinden, es zeichnet es schärfer.

Ein Beispiel für einen durch Sprache „heiter“ dekonstruierten Bedeutungsträger ist der Arbeitsraum im titelgebenden Gedicht Polle und Fu. „Polle“ und „Fu“ beziehen gemeinsam in fünf Worten Stellung zum Arbeitsplatz, die das „Office“ benennen und demaskieren: „Ins Off, Office, ausm Off“. In den sich daran anschließenden Worten laden „Polle“ und „Fu“ die „Bartelbienen“ ein, begleitet von Bartlebys berühmtem I prefer not to, das hier als „not-to“ wiederkehrt. Gleichzeitig werden auch diejenigen eingeladen, die das gegenteilige Arbeitsethos („nocturne“) pflegen. So lotet Karin Fellner mit „Polle“ und „Fu“ Grenzen aus und schafft kontrastreiche sprachliche Räume.

Die in Polle und Fu dargestellte Wirklichkeit ist selten konkret, was sich auch in den Raumbezeichnungen zeigt:  Wir begegnen „diagonalen Flächen“, „Falten“, „Strichen“, „Punkten“, sind Teil der immer wiederkehrenden Bewegungen von Wellen, ziehenden Wolken, sich ausdehnendem Klang. Wir sind „Flusen im Luftstrom eines vorgetragenen Themas“ – wie eine Polle – und den Raumveränderungen willkürlich ausgeliefert. Es folgt das Eingeständnis, dass wir alle eben nur „Figuren eines flüchtigen Wedelns“ sind, und somit den Räumlichkeiten in all ihren Ausformungen unterworfen. Der Raum und wir sind Teile der gleichen „fluide[n] Architektur“.

Das Starre und Gegebene der Welt wird in den Gedichten seziert und aus der „Hülle“ genommen, „aufgefächert“ und „ausgezogen“, wie es in dem Gedicht Übergang bezüglich des Ichs heißt. Bedeutungen verschieben sich, selbst in die Grammatik wird eingegriffen. Wortreihungen klingen wie Ablautreihen einer veränderten deutschen Sprache, was im Titel … furt, fürt, fort… abgebildet ist. Ein Titel, der mit den drei Punkten darauf verweist, dass es sowohl vorher als auch nachher Platz für weitere Formvarianten gebe.

Ein prägendes stilistisches Merkmal vieler Gedichte aus Polle und Fu sind ineinander verschränkte Bedeutungs- und Lautverschiebungen der Wörter. Dabei werden neue Räume eröffnet, die die Spuren des Vorherigen trotz der Überschreibung bewahren. So entsteht ein Geflecht aus gleitenden Verschiebungen, die den Text sprachlich wie auch inhaltlich in Bewegung setzen. Einige typische Beispiele:

Diese filigran in die Gedichte eingewobenen Wort- und Lautspiele bilden die große Stärke dieses Bandes. In ihnen scheinen die Gegenüberstellungen auf.
Die Fülle an gewagten Sprachspielen zeigt Karin Fellners andauerndes Nachdenken über und mit Sprache, um über diesen Zugang die uns dauerhaft beschallenden und Aufmerksamkeit heischenden „Info-Formationen“ händelbar zu machen. Etwas zur Hand zu nehmen, heißt in Polle und Fu: es zu begreifen, zum Begriff zu bringen – oder diesen durch die Finger gleiten zu lassen, um ihn daraufhin vom Boden aufzunehmen, neu zu formen, umzuschichten und dementsprechend zu überformen und als neues Wort mit neuen Bedeutungen im Gedicht anzubringen. In Polle und Fu werden solche Bewegungen des (begrifflichen) Erfassens ins Zentrum gestellt. Thematisch sind die Gedichte weit gefächert, doch im Gestus des Suchens sind sie geeint.

Die eingangs formulierte Suche nach der Bedeutung von „Polle“ und „Fu“ kommt im letzten Gedicht zu einem vorläufigen Ende: „wir rollten ab und wurden / verspult, verspielt, ein Namenlos / und frei für andre Chosen.“ Die Namen werden in dem Gedicht Ohne Plünnen nicht genannt, „Polle“ und „Fu“ werden ein „Namenlos“, ihre Bedeutung entschwindet, was den programmatischen Wandel von Bedeutungen, der in diesem Gedichtband exerziert wird, bestens auffängt. Das Ende gebiert einen neuen Anfang und scheint gleichsam als Kommentar der Autorin lesbar, die mit dem Begleiten von „Polle“ und „Fu“ aufhört und die Lesenden aus diesem Text entlässt. Doch in dem „wir“ schwingt ebenso mit, dass wir, die wir den Text lesen, mitgemeint sind. Wir sind mit diesen beiden Gefährt*innen „verspult“ und sind nach dem Hinhören und Mitreißenlassen durch Sprache, die auf den Seiten zuvor ausgebreitet, ineinander gefaltet und zerknittert wurde, wieder frei neue Bedeutungen zu erkunden.

Polle und Fu lässt durch seine Vielstimmigkeit und oft fragende Annäherung eher ein Bild der Überforderung, denn der wohltuenden Einheit und Einfachheit zurück. Die Welt kann nicht klar gezeichnet und umrissen werden, die Räume und Erklärungsmuster sind diffuser und verzweigter. Karin Fellner schafft mit Polle und Fu dasjenige, was in einem Gedicht Vermeer abgesprochen wird: „Was ist schwerer als schwer? / Mit Vermeer die Wolken durchs Zimmer zu jagen.“ Polle und Fu gibt uns die Möglichkeit das staubige Zimmer, vielleicht wie bei vielen Bildern Vermeers nur durch ein kleines Fenster erleuchtet, mit frischem Wind durchpusten zu lassen. Dies erfordert die Bereitschaft, das geschlossene Fenster der festgezurrten Bedeutungen zu öffnen.

David Gabriel

Karin Fellner: »Polle und Fu«, Gedichte, parasitenpresse, Köln 2024.