Gedankenverloren betrachte ich den Riss im Beton unter meinen Schuhen. Lange Zeit bin ich nicht mehr auf der Insel gewesen.
Segelboote bilden aus der Entfernung weiße Dreiecke, und die Seemöwen funkeln beim Sturzflug wie Diamanten.
Es muss genau dieser Ort sein. Irgendetwas hat mich zurückgerufen. Nur hier werde ich finden, was ich nicht benennen kann.
Lange schon habe ich nicht mehr die moosigen Bäume auf der Insel umarmt.
Der Motor des Schiffes brummt, als der Anker ausgeworfen wird, um im einzigen Hafen der Insel anzulegen: einem schmalen Steg.
Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt! lässt der Kapitän verlauten.
Der Geruch des Wassers entspannt meine Nackenmuskeln. Blässhühner lassen sich auf dem Kamm der Wellen treiben oder schießen pfeilgerade nach unten, mit dem Kopf zuerst. Das sind Vögel, die wie Menschen tauchen, denke ich.
Die Worte des Kapitäns hallen in mir nach. Dieser Ort ist vollkommen, wie er ist, unter den Birken am Ufer, zwischen dem Schilfgras, das der Wind hin und her bläst.
Schritt für Schritt umkreise ich die Insel. Selbstvergessen streife ich an den Grundstücken der Bewohner und den dazu gehörenden Stränden vorbei, an deren Beginn groß gedruckt immer nur ein Wort steht: PRIVAT.
Entlang der Promenade werfen Fischer ihre Angelhaken aus.
Hier werde ich eines Tages ein Haus mieten, sage ich zu mir, hier werde ich Marmelade einkochen und im grünen Wasser schwimmen.
Die Verwegenheit der Insel lässt mich straucheln. Meine Wanderung halte ich nicht lange durch, da das Gleißen des Lichts und die Unwirklichkeit der Farben mich müde machen.
Auf der Nordseite angekommen, tut sich das Kloster der Benediktinerinnen vor mir auf. Eine Frau in Ordenstracht kommt mir entgegen. Wir bleiben stehen und grüßen einander.
Sind Sie aus dem Kloster dort?
Die Fremde mit dem Schleier und mächtigen Krähenfüßen verdreht die Augen und sagt: Nein, wissen’s, es ist Fasching.
Wir lachen verhalten, und schnell setze ich mich wieder in Bewegung.
Dort! Der Gasthof. Dass ich nach ihm gesucht habe, wird mir erst bewusst, als ich mitten auf der Terrasse stehe. Diese ist über eine Wendeltreppe zu erreichen, und ihre karierten Tischdecken und die blauen Sonnenschirme frischen unvermittelt mein Gedächtnis auf.
Ein langsamer Blick über den See. Das Sonnenlicht gibt bereits nach, und die Wellen schillern in ihrer Aufgewühltheit. Ich muss darauf achten, die letzte Fähre nicht zu verpassen, denn das würde Papa missfallen. Er würde wütend werden.
Die Luft ist dieselbe wie damals. Trauerweiden beugen sich ins Wasser, die Abendröte ist langwierig. Währenddessen denke ich an Bilder von Monet und an Vanillepudding. Als der Kellner kommt, bestelle ich Apfelkuchen und Kaffee.
Mit einer Handbewegung fische ich eine Mücke aus dem Wasserglas. Gerne würde ich mich jetzt mit jemandem unterhalten. Sprechen und Nachdenken sind wie Klebstoff für die Psyche, überlege ich, und inhaliere tief den Rauch meiner Zigarette.
Auf einem Block vor mir auf dem Tisch mache ich einige Zeichnungen.
Mein Gang ist federnd, als ich auf dem Weg zur Toilette den Speisesaal durchqueren muss, und mit einem Mal wird mir anders. Als wäre ich durch ein offenes Fenster hindurch gestoßen worden, fängt der Boden an unter mir zu wackeln.
Am Ende des Flurs entdecke ich ein Mädchen mit Affenschaukeln, zuerst nur den Hinterkopf, dann das Profil. Ich kenne dieses Mädchen.
In behutsamem Abstand folge ich ihm, denn ich muss sehen, wo es hin läuft. Es trägt ein Matrosenkleid mit ausladendem Kragen, der vorne mit einer viel zu großen Schleife zusammengebunden ist. Das Mädchen dreht sich um sich selbst und kichert. Dann läuft es los, bis in die Mitte des Saals hinein, und steuert auf einen Mann mit Hornbrille zu. Es setzt sich auf seinen Schoß und krault ihm den Bart.
Ein Bassist zupft laut an seinem Instrument, auf dem Klavier werden Moll-Akkorde angeschlagen, die Servietten wirken steif wie Rüstungen auf den leeren Tellern, und auf den Fenstersimsen ist ein Buffet aufgebaut – Schalen gefüllt mit Meeresfrüchtesalat und Kaviar.
Eine Weile schaue ich dem Treiben zu, einige Leute tanzen. Ich mische mich unter die Menge, doch niemand nimmt Notiz von mir. Am anderen Ende des Saals wirft sich eine junge Frau lachend einem Mann um den Hals. Dann lässt sie von ihm ab und geht auf das Mädchen zu. Sie setzen sich nebeneinander. Sie klatschen in die Hände, zuerst in die eigenen und dann gemeinsam. Den Text dazu kenne ich auswendig. Dann schneidet die Frau dem Mädchen das Fleisch klein.
Unauffällig nähere ich mich. Sie achten nicht auf mich.
Komm, Zuckerpuppi, gehen wir ein Stück spazieren, bevor sich ein
Gewitter zusammenbraut. Und dann erzählst du mir von der Schule!
Sie nimmt das Mädchen bei der Hand. Im Garten steigen Luftballone auf,
Kinder spielen Fangen. Die zwei nehmen den Weg zu den Stegen, die Wolken ziehen schnell. Es ist schwül, mein T-Shirt klebt. Ich folge ihnen.
Am Ufer lassen sie sich nieder. Auch ich setze mich, etwas entfernt, und lausche.
Zuckerpuppi, ist es nicht schön hier?
Was sind das für Fische, Tante?
Forellen.
Wie lange leben Forellen?
Nicht so lange wie Menschen.
Ich glaub, ich werd bloß so alt wie ein Fisch.
Aber Kind! Was sagst du da. So jung und schon solche Gedanken.
Bitte, Tante … kann ich nicht bei dir wohnen?
Die Tante antwortet nicht, zieht das Kind einfach mit sich.
Bevor sie den Steg verlassen, verstecke ich mich hinter einem Busch. Mein
Nacken schmerzt, mir ist schwindelig.
Irgendetwas muss im Apfelkuchen gewesen sein.
Eilig laufe ich zum Gasthof zurück und schließe mich auf der Toilette ein, um mich zu übergeben. Am Waschbecken spüle ich den Mund aus und halte mein Gesicht unter den kalten Strom. Nur allmählich geht es mir besser. Ich öffne den Knoten meiner Haare und bürste die langen Strähnen, die mir bis zur Taille reichen. Eingehend betrachte ich sie im Spiegel. Dann greife ich in meinen Rucksack, und mit den Fingern taste ich nach etwas borstig Weichem, das sich anfühlt wie … Haar. Zärtlich drücke ich das kostbare Ding an mich, bevor ich es mir über stülpe. Ein brünetter Pagenkopf also. Aber etwas fehlt noch an der Vollständigkeit dieser Geste.
Im Speisesaal bitte ich den Kellner um eine Schere. Er blickt mich verwirrt an, und ich lache in mich hinein. Er erkennt mich nicht. Oder doch?
Zurück vor dem Spiegel drehe ich mir die rotblonden Locken ums Handgelenk. Langsam gleiten meine Finger über die scharfe Klinge der Schere. Ritsch, Ratsch! Fertig ist das Kunstwerk. Fasziniert nehme ich mein ausgefranstes Spiegelbild in mich auf. Nach einer Weile setze ich mir die Perücke auf und bleibe für einen Moment lang so stehen.
Mit Wimperntusche und Rouge mache ich mich zurecht. Noch einmal greife ich in die Tasche, und dieses Mal ziehe ich ein Kleid daraus hervor. Es ist rot und mit Pailletten bestickt. Ich ziehe mich aus, stopfe Jeans und T-Shirt in den Mülleimer und werfe mir das Kleid über.
Ob man hier auch übernachten könne, frage ich im Vorbeigehen den Kellner. Ja, das ginge schon, antwortet er gedehnt.
Draußen lehne ich gegen die Hauswand und stecke mir eine Zigarette an. Die Terrasse ist nun über und über mit Lampions geschmückt, mit einem Mal ist es Nacht. Blauschwarze Nacht, buttergelber Mond, blutrotes Kleid, elektrisierte Haut. Mit den Fingerkuppen berühre ich mein Ohrläppchen. Vielleicht sollte ich etwas essen? Es muss keine Nahrung sein. Ich bin mir bewusst, dass ich Blicke auf mich ziehe.
Ich will gesehen werden.
Ich will mich für etwas hergeben.
Augen ruhen sich auf mir aus.
Menschen versammeln sich im Garten.
Ich muss berührt werden.
Und dort, unter dem Kirschbaum, wartet schon eine Gelegenheit. Ein Blick, ein Nicken, wir verstehen einander.
Wirst du mich heute Nacht verschlingen, darf ich mich in dir auflösen?
Jetzt stehen wir uns gegenüber, du gibst mir Feuer und bestellst Whisky on the rocks. Zweimal, dreimal. Wir flirten. Fast vergesse ich, dass ich auf einer Insel bin, wäre da nicht der Geruch nach Fisch und Algen, ein süchtig machender Duft, der bloß überdeckt wird von deinem Rasierwasser.
Lass uns heute Nacht verrückt sein, flüsterst du. Ich drehe dir den Rücken zu und lehne mich an dich.
Halt mich.
Klänge in B-Moll. Komm, lass uns tanzen. Ich zeige dir, wie. Im Garten riecht es nach abgemähtem Gras und Flieder, wir streifen unsere Schuhe ab, halten uns an den Händen und lassen uns nach hinten sinken, drehen uns wild. Wir lachen und drehen uns weiter im Kreis. Haha, ja! Genauso! Ich kippe rückwärts, doch du hältst mich fest. Wirbelst mich herum, während die Cellos dunkler und samtiger streichen. Ich stecke meine Nase in deinen Hemdkragen, denn du riechst so gut.
Es gefällt dir, wie ich zwischen den Takten mein Strumpfband hochziehe, ja?
Ja … Dein Kleid gefällt mir, du gefällst mir. Dein Haar …
Mein Haar? Ich lalle. Bitte hol mir Wasser. Mit Eis. Und dann komm schnell wieder her und gib mir einen Kuss.
Dein Haar … ist das immer so?
Wie denn?
Na, so …
Lachend werfe ich den Kopf in den Nacken.
Violinen spielen jetzt ungarische Tänze, und ich höre bloß zu. Ich kann nicht aufhören, ich kann überhaupt nie aufhören und denke kein bisschen an die Stelle, an der dieser Tag abreißen wird. Die Luft ist gespannt, und die Nachtwolken über uns machen dumpfe Geräusche.
Das Gewitter ist nah.
Mein Handy klingelt. Wo ist mein Rucksack? Da. Ich krame es hervor und sehe
Buchstaben aufblitzen: PAPA.
Hastig drücke ich den roten Knopf und werfe das Mobiltelefon in die Dunkelheit, laufe in die Lampions hinein, komm, lass uns tanzen!
Du nimmst einen Eiswürfel in den Mund und küsst mich, es fühlt sich witzig an auf meiner Zunge.
Magst du mich, ja? Lass uns ans Ufer gehen, wo niemand uns sehen kann, wo das Wasser schimmert und die Schwäne mit umgedrehten Hälsen schlafen.
Sanft berührst du mich und ziehst mich die Wendeltreppe hinab, vorbei an Jasmin-Sträuchern, und das Gras unter unseren Füßen kitzelt uns. Hier sind wir vor fremden Blicken geschützt.
Wir küssen uns heftig, und deine Hände sind ganz weich. Sie tasten sich an meinen Beinen entlang, in jeden Winkel hinein, bis in die Kniekehlen. Dann zwischen meine Schenkel. Immer tiefer. Zieh mich noch enger an dich, beiß mich, komm schon, beiß mich ein bisschen in den Hals.
Und wende den Blick nicht von mir ab, hörst du?
Du legst deine Hände um mein Gesicht und lächelst verschwommen. Du wippst mit mir vor und zurück, nimmst mich ganz, gegen den Baumstamm gepresst, nimmst du mich.
Halt!
Was war das? Meine Schultern beginnen zu zucken, ich bekomme Gänsehaut. Lass mich sehen, geh runter von mir! Hast du das Knarzen der Äste nicht gehört? Als würden sie unter Schuhsohlen zerbersten. Und dort, hinter den Kastanien, das schüttere Haar! Das darf nicht sein, es ist nicht möglich … oder doch? Hast du es auch gesehen?
Was? Wie? Wovon sprichst du? Ich sehe nichts!
Er ist auf der Insel. Er ist mir gefolgt, mir nachgefahren, um mich zu finden und zu holen. Die Bäume werden uns nicht länger beschützen, deshalb müssen wir schnell weiter, bitte, wir müssen weg von hier, lauf los!
Du gibst meinem Drängen nach, und wieder halten wir uns an den Händen, diesmal atemlos nebeneinander und nicht mehr ineinander, über Hügel kletternd, durch das Dickicht brechend, entlang verschlungener Fährten, wir laufen uns die Füße wund und Brennesseln schlagen uns gegen die Fesseln, es gibt kein Halten mehr, und wir beide wissen jetzt: Wir werden verfolgt.
Er ist bereits dicht hinter uns.
Plötzlich entlädt sich der Himmel, und tropische Wasserströme stürzen auf unsere Körper herab, kolumbianischer Regen wäscht unsere Haut.
Du bist zu langsam! Wieso kannst du nicht mit mir mithalten? Ich muss dich zurück lassen.
Ich lasse deine Hand los und laufe allein weiter, schnappe nach Luft, renne, umkreise die Insel, doch ich finde keinen Unterschlupf. Die letzten Schiffe haben längst abgelegt.
Schließlich erreiche ich nass bis auf die Knochen die Terrasse. Als ich über meinen Handrücken lecke, schmecke ich Salz. Das Gewitter hat alle Gäste verjagt, die Musik ist verstummt und die Lampions sind erloschen. Ich rufe stimmlos: Hilfe, Hilfe, so helft mir doch! Ich werde verfolgt! Er ist ganz nah …
Die Musiker, die vor den Fluten unter die Sonnenschirme geflohen sind, zwinkern mir bloß zu. Schnell schnappe ich mir meinen Rucksack. Es gibt im Gasthof nur ein einziges Versteck für mich: die Damentoilette.
Wieder durchquere ich den Speisesaal, in dem jetzt niemand mehr lacht oder tanzt. Fräulein, wir schließen, sagt der Kellner ungeduldig. Seine Worte ignorierend suche ich mir meinen Weg, renne den Flur hinunter und stoße die Tür zur Toilette auf.
Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen oder den Wasserhahn aufzudrehen, reiße ich mir die Perücke vom Kopf und schließe mich in einer der Kabinen ein. Verriegle die Tür. Dann setze ich mich auf die Klobrille und warte. Ich könnte jemanden anrufen. Nur wen? Mir fällt ein, dass ich kein Handy mehr in der Tasche habe.
Ich sitze und warte. Warte und zittere. Worauf? Hier bin ich doch sicher.
Damals, an einem Abend im Schneegestöber, es war im Gasthaus zum Silbernen Hirten gewesen. Verrauchte Räumlichkeiten, Schnitzel vom Kalb, Papa bestellte eine Flasche St. Laurent für uns, wir tranken und schwiegen. Draußen schlug uns Eisregen ins Gesicht, und den Mantelkragen zog ich mir bis über beide Ohren. Nacheinander gingen wir die Treppe hinauf bis in meine Mansardenwohnung. Oben angekommen zog Papa mich an sich und flüsterte: Und jetzt stell dir vor, ich sei einer der Liebhaber … komm, stell dich nicht so an, komm her!
Sein Atem roch nach Fleisch und Alkohol. Ich würgte.
Auf der Toilette wird er mich nicht vermuten. Er darf diesen Raum nicht betreten. Der ist nur für Damen.
Die Tür schwingt plötzlich auf, und jemand geht leise auf dem Fliesenboden. Ich höre Schritte, danach nichts. Stille. Dann wieder Schritte. Sie klingen immer lauter. Ich kann nicht richtig atmen und ziehe die Knie bis unters Kinn.
Klopfen, links von mir. Zuerst Klopfen, dann Hämmern. Wie lange kann man ohne Sauerstoff auskommen, frage ich mich, und halte die Luft an.
Eine Faust schlägt hart gegen die Kabinentür. Er wird sie kaputt schlagen! Ich spüre die Erschütterungen in meinem Körper. In meinem Ich.
Wimmernd taste ich nach dem Rucksack, meine Hände gleiten hinein.
Es wird das letzte Mal sein, dass du mich gefunden haben wirst.
Mit einem Ruck reiße ich die Tür auf und steche mit der Schere zu, ohne wirklich hin zu sehen. Einmal in den Hals, ein weiteres Mal neben die Schulter.
Und dann geradeaus, ins Herz.
Langsam öffne ich die Augen und blinzle in die Abendsonne. Gräser durchwuchern die Zäune der Gärten, und die Menschenmenge schlängelt sich über die Brücke auf das Deck des Schiffes. Es wird Zeit für mich.
Der Kapitän empfängt dieses Mal persönlich alle Passagiere. Beim Kontrollieren der Fahrkarte treffen sich unsere Blicke.
Na, hatten Sie einen schönen Aufenthalt?
Ich grinse und gebe ihm einen Kuss auf die Wange.
Marion Margarethe Kecht