Gastbeitrag von F.J. Czernin

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Zyniker einmal abgerechnet, maßen sich Autoren mit dem Verfassen literarischer Werke an, im Stande zu sein, etwas außerordentlich Wertvolles herzustellen – ob sie davon wissen oder nicht. Diese Anmaßung wird aber – die Literaturgeschichten bezeugen es – sehr selten gerechtfertigt. Doch auch wenn ein Autor dies weiß, so tut er, solange er am Werk ist, gut daran, sein Wissen zu vergessen oder zu ignorieren. Denn gerade das Nichtwissen um jene Anmaßung ist eine beinahe unerläßliche Stimulanz für die Produktion, vergleichbar den faulen Äpfeln in Schillers Schublade, deren Geruch ihn angeblich inspirierte und anspornte. Nicht wissen, worauf man sich einlässt, mit Blindheit geschlagen sein, fördert offenbar einen Enthusiasmus, der notwendig ist, um angesichts der besten Werke der literarischen Tradition überhaupt zu beginnen und weiterzumachen.

Doch hat jene Anmaßung, ob ein Autor davon weiß oder nicht, ein Gegenstück: Ich meine, eine fundamentale Unsicherheit, ein Zweifeln, ja dann und wann ein Verzweifeln an den eigenen Fähigkeiten; das Gefühl, ein hoffnungsloser und unverbesserlicher Anfänger zu sein.

Diese negative Anmaßung ist aber ebenso förderlich wie jene der Euphorie, ist sie doch ihrerseits unerlässlich für eine, und sei es noch so geringe, Chance, tatsächlich etwas außerordentlich Wertvolles zustande zu bringen. Denn dafür ist nicht nur Enthusiasmus, sondern auch viel Hemmung notwendig. Auch die Hemmungsäpfel müssen vielleicht in der Lade sein, und wenn die inspirierenden und anspornenden für Schiller die faulen waren, dann sind diese die sauren, in die man ja bekanntlich auch sonst nicht selten beißen muss.

Das gleichsam manische Grundmuster, dieses sich Hoch- und Niederschaukeln, aber auch Hoch- und Tiefstapeln, hat, so vermute ich, vor allem zwei Gründe.

Der eine ist, dass das Verfertigen eines Kunstwerks – von welchem Wert auch immer und ob man davon weiß oder nicht – bedeutet, sich etwas einigermaßen Unkontrollierbarem auszusetzen, ja sich diesem zu überantworten. Und je riskanter ein Autor mit seinem Werk ins ansonsten Unerkannte strebt, umso größer womöglich die Amplitude zwischen Enthusiasmus und dessen Gegenteil. Denn da es für das Zustandebringen von etwas noch Unerkanntem vorab keine verlässlichen Kriterien geben kann, finden weder Enthusiasmus noch Hemmung eine deutliche Grenze.

Der zweite Grund: Ein literarisches Werk ist das Ergebnis einer Auswahl aus einer großen Menge möglicher Werke, und diese Auswahl will – das ist, behaupte ich, mit dem Begriff des außerordentlich Wertvollen mitgegeben – repräsentativ sein für den Zustand einer Kultur und einer Gesellschaft. Jede Wahl, die getroffen wird, will deshalb als intersubjektiv, ja eigentlich als öffentlich verstanden werden. Dieser Anspruch steht jedoch in starker Spannung zum Streben nach dem noch Unerkannten und fördert daher jenes manische Grundmuster: Man muss tausend Mal und in tausend Hinsichten, vom einzelnen Wort bis zum ganzen Text, immer wieder die bessere Wahl treffen, ohne zu wissen, ob diese nicht ins lediglich Subjektive und damit Unverbindliche führt und daher das Repräsentative verfehlt.

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Irgendwann ist ein Werk fertiggestellt und veröffentlicht, und dann folgt oft Kritik. Ist sie positiv, erscheint sie als ein Echo des Enthusiasmus der Produktion, ist sie negativ als Echo der Produktionshemmung; die beiden Grundbedingungen für die Herstellung von außerordentlich Wertvollem haben sich vom Autor gelöst. Die faulen wie die sauren Äpfel sind jetzt die des Kritikers – denn Enthusiasmus und Hemmung gegenüber dem Gegenstand von Kritik sind ihrerseits Bedingungen für diese – und gehören der Öffentlichkeit an, die der Autor selbst durch sein Wählen und sein Werk gesucht hat. Da der Autor nun aber die beiden gegensätzlichen Produktionsbedingungen vorfindet, ohne sie für das kritisierte Werk noch fruchtbar machen zu können, ist die Reaktion vieler Autoren auf Kritik irrational: Eine positive Kritik weckt oft den ganzen Enthusiasmus, der aber – da nicht mehr mit dem Verfertigen eines Werks verbunden – gleichsam leerläuft und oft lediglich Selbstüberschätzung hervorruft; als müsste die positive Kritik angemessen sein, obwohl das doch bekanntlich sehr oft nicht der Fall ist. Eine negative Kritik (die auch im Ausbleiben jeglicher Rezeption bestehen kann) reaktiviert oft alle Zweifel, ja das Gefühl, wenn schon kein unverbesserlicher Anfänger, so doch jemand zu sein, der die Bedingung des außerordentlichen und damit repräsentativen Werks und also auch seine eigenen Hoffnungen nicht erfüllt hat. Dann scheint das Werk den Enthusiasmus des Autors Lügen zu strafen und seine Selbstzweifel zu bestätigen.

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Die Reaktivierung jenes manischen Grundmusters durch die Kritik muss niemanden interessieren, und einem Autor, der sich darüber beklagt, kann man mit Recht erwidern: Sei dankbar dafür, dass Du die Freiheit genießt, Deinem, wie wir doch annehmen dürfen, leidenschaftlichen Interesse nachzugehen und literarische Texte verfassen und womöglich noch veröffentlichen zu können.

Übermäßiges Bedürfnis nach Lob und Beachtung einerseits; andererseits übertriebene Angst vor Missachtung und Vergessensein: Angesichts der empfindlichen Reaktionen von Autoren kann es hilfreich sein, jenes Grundmuster zu berücksichtigen und etwas Nachsicht zu üben, nämlich ihre Selbstbezogenheit, ja ihren Narzissmus (ein Klischee, das sich häufig bestätigt) und daher ihre Unfähigkeit, mit positiver und negativer Kritik vernünftig umzugehen, als Folge jener Produktionsbedingungen und des Gefühls verstehen, einer doch sehr unzuverlässigen literaturkritischen Öffentlichkeit ausgeliefert zu sein.

Thomas Mann, der schon zu Lebzeiten vielfach enthusiastisch Rezipierte und Berühmte meinte einmal: „Der Ruhm zu Lebzeiten ist eine fragwürdige Sache; man tut gut, sich nicht davon blenden, sich kaum davon erregen zu lassen.“

Wäre das nun am Ende die leichtere oder aber doch die noch schwerer zu lösende Aufgabe als diejenige, die andere Verblendung – die durch negative Kritik – zu vermeiden?

Wie immer die Antwort ausfällt, die nächste Frage muss man wohl metaphorisch stellen: Wem oder was in diesem Zusammenspiel von Produktion und Rezeption sind eigentlich die süßen Äpfel vorbehalten?

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von F.J. Czernin, zuerst erschienen (mit herzlichem Dank!) am 26.6.2019 in einer etwas anderen Fassung im Standard