Gespräch mit Jayne-Ann Igel

Vorrede von Alexander Kappe

Jayne-Ann Igel wurde 1954 in Leipzig geboren, einer für sie prägenden Stadt, mit ihrer Subkultur, ihrer literarischen Welt, auch der Kulturtradition. Sie machte eine Lehre im Bereich wissenschaftliche Bibliotheken in Leipzig. Später studierte sie auch Theologie; Spuren dieses Theologie-Studiums findet man in ihren Texten durchaus, fein gesetzt, in Untertönen.

Während der 80er Jahre begann Jayne mit der Veröffentlichung ihrer Arbeiten. Es entstanden zunächst mehrere Graphik-Gedichte-Mappen. Es folgten in den 80er Jahren Publikationen, etwa in Sinn und Form, aber auch in einer Reihe von Künstlerzeitschriften wie etwa Anschlag, einer Leipziger Samisdat-Künstlerzeitschrift der 80er Jahre, herausgegeben u. a. von Angelika Klüssendorf. Oder in der Ariadnefabrik, ein Publikationsorgan für Namen wie Elke Erb, Bert Papenfuß oder Uwe Kolbe. Jayne war also nah dran oder sogar mittendrin in dieser aufregenden Zeit, aus der einige große literarische Werke hervorgegangen sind.

Im geschichtsträchtigen Jahr 1989 erschien dann ein Gedichtband beim legendären DDR-Verlag Neues Leben in der nicht minder legendären Reihe Poesiealbum, die es heute noch gibt. Zur damaligen Zeit waren das Bücher, die in großer Auflage gedruckt wurden und die man für weniger als eine Mark auch am Kiosk bekam. Im selben Jahr erschien dann ein zweiter Band bei Fischer, 1991 ein Buch bei Reclam. In den 90er Jahren arbeitete sie mit Künstlerinnen zusammen, verschiedene Bücher wurden herausgebracht, etwa Ostberlin 1983-1986, deren Texte zusammen mit Barbara Köhler entstanden, mit Fotografien von Karin Wieckhorst. Auch die Prosa beschäftigt sie in dieser Zeit, bis in die 00er Jahre hinein stark.

In den 90er Jahren arbeitete Jayne in verschiedenen Positionen, etwa als Angestellte in einem Pfarramt, wo sie u. a. für die Instandsetzung einer Orgel zuständig war. Dann im Leipziger Literaturbüro oder als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Frauenstadtarchiv Dresden. Mitte der 90er Jahre zog sie von Leipzig nach Dresden, wo sie bis heute lebt. Darüber hinaus war und ist Jayne-Ann in verschiedenen Vereinen und Verbänden tätig.

In den 00er und 10er Jahren erschien eine Reihe von Publikationen bei Urs Engeler, bevor sie den Sprung zum Frankfurter gutleut verlag machte, wo seither ihre Gedichtbände publiziert werden.

Jayne hat Auszeichnungen für ihr Schreiben erhalten, die ich hier nicht aufliste (aber bemerke, es sind viel zu wenige). Und sie gibt die Reihe Neue Lyrik beim Leipziger Verlag Poetenladen gemeinsam mit Jan Kuhlbrodt heraus. In dieser Funktion hat sie schon einige junge Lyrikstimmen protegiert.

Jayne-Ann Igel ist, daran kann es keinen Zweifel geben, eine der großen deutschen Dichterinnen der Gegenwart, mit ganz eigener, einzigartiger Poetik. Als Einstieg in das Werk empfehle ich den kürzlich erschienen Band wolken hinterm rollo (gutleut 2024), die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen (gutleut 2018) und traumwache (Urs Engeler Editor 2006).

Das Interview wurde im Rahmen einer Lesung in der Reihe Frankfurter Premieren, bei der ich Jayne-Ann Igel moderieren durfte, vorbereitet und per Mail weitergeführt.

Alexander Kappe:

Liebe Jayne-Ann, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses poetologische Interview nimmst. Kürzlich ist dein neuer Band wolken hinterm rollo beim gutleut Verlag erschienen. Ich würde gern gleich einsteigen, in der Mitte. Wobei: eigentlich oben, beim Titel. Der Band hat ein Zentralmotiv, das schon im Titel steckt. Nicht Sterne am Himmel, Lichter am Horizont, sondern Wolken hinterm Rollo.

Ich imaginiere sofort eine Szene des Blicks. Jemand sitzt in einer Wohnung; aus unbekannten Gründen; vor einem Fenster, das ein Rollo schließt. Ich frage mich, was das für eine Person ist. Jemand, der auf diese Weise nach draußen blickt, ist das jemand der träumt oder jemand der leidet, an der Welt leidet, oder beides? Oder vielleicht auch eine Person bei schwacher Gesundheit? Jemand, der krank ist, nicht mehr herauskann; schon das Öffnen des Rollos wird schon zur Anstrengung, so dass es bei diesen Wahrnehmungen durch den Schlitz bleibt, und man sich nach außen träumt? Oder krank an zu viel Licht; oder ein Gefängnis nicht nur im bildlichen, sondern im realen Sinne; ein selbstgewähltes Exil der Einsamkeit? Ist das eine Sternwarte, kein durchdringender Blick bis zu den Sternen, stattdessen Gräue und Wolken?

Und: Eigentlich erlaubt der Blick durch das Fenster ja Durchlässigkeit. Aber das Rollo macht, dass man nur durch Schlitze sehen kann. Also automatisch Detailaufnahmen, ausgewählte Ausschnitte. Das Fenster allein erlaubt zwar, dass man hindurchsehen kann, aber es ist auch eine Wand. Wer durch das Fenster geht, begibt sich in Gefahr. Wer durch das Fenster blickt, nimmt teil, ohne teilzunehmen. Das Rollo nun ist fast wie eine zweite Wand.

Diese Szene erlaubt so ungemein viel. Sie ist vertraut, intuitiv verbindet man etwas mit ihr, und doch Möglichkeiten, sie ganz auszuspielen. Was hat dich an dieser Szene dichterisch gereizt?

Jayne-Ann Igel:

Den Anreiz, diese und auch andere Beobachtungen ins Dichterische zu übertragen, zu übersetzen, bilden einerseits die solchen Szenen innewohnenden Perspektivwechsel zwischen Innen und Außen, andererseits die damit verbundene Ambivalenz, die sowohl mir als auch späteren Leserinnen und Lesern reichlich Interpretationsmöglichkeiten bietet. Je nach eigenem Erfahrungshintergrund und Kontext. Soweit die Theorie.

Öfter habe ich Gelegenheit, vom Küchenfenster aus, das dabei geschlossen bleibt, Szenen auf der Straße oder im Nachbargrundstück wahrzunehmen, oder in einen der beleuchteten Räume zu blicken. Das geschieht zumeist beiläufig, während ich Kaffee koche, ein Essen bereite, der Tisch steht vorm Fenster. Es geschieht in einer Weise, wie ich auf meinen Gängen durchs Viertel hie und da etwas fotografiere, das mir „ins Auge fällt“. Wenn ich ohne Absicht, Aufnahmen zu machen, unterwegs bin. Das eine wie das andere harrt also einer Übersetzung ins Bildliche oder/ und in Sprache, so es mich beeindruckt bzw. „beschäftigt“. Ich bedarf nicht einmal eines Rollos, durch dessen Schlitze ich etwas beobachten kann. Das Glas des geschlossenen Fensters bewirkt, dass ich von außen kaum zu sehen, höchstens nur als Schemen wahrnehmbar, der anonym bleibt. Mir kommt es darauf an, die anderen als zufällige Beobachterin nicht zu stören.

Jener Mann indes, den das dichterische Ich im Titelgedicht in seiner Räumlichkeit wahrnimmt, verfügt über ein Rollo, das er nachts herablässt, manchmal auch am Tage. Es folgt den Bewegungen dieser Person, Positionen, die sie einnimmt, Haltungen, sie teilt sich der Beobachterin in ihrer Körperlichkeit mit, in einer Sprache ohne Worte. Nicht zuletzt haben mich Arbeiten von Caspar David Friedrich zu einigen der neueren Texte inspiriert, auch er lässt die Personen, die er darstellt, mittels Rücken- oder Seitenansicht über ihren körperlichen Ausdruck sprechen, im Schutzraum der Anonymität.

Und finden sich die Wolken hinterm Rollo gelegentlich nicht auch innerhalb von Räumen, spricht man nicht zudem gern in Bezug auf Individuen, die es offenbar schwer haben, von einer sorgen- oder kummerumwölkten Stirn? Oder von einem Donnerwetter, das X oder Y daheim erwartet? Von anderen Leuten heißt es, sie wahrten in der Öffentlichkeit ihre Fassade, zeigten also weder Miene noch Gefühle – im übertragenen Sinne auch ein Rollo, eine Jalousie, um dem Gegenüber Einblicke zu verwehren. Shakespeare wiederum sprach von den Augen als Fenster zur Seele. Nötigenfalls setzt man eine Brille auf, mit verdunkelten Gläsern. All diese Aspekte stecken in solch einem Wechselspiel von Innen und Außen, räumlich wie individuell. Eindeutigkeit interessiert mich in der Darstellung eher nicht.

Alexander Kappe:

Mit der Traumwache bist du bereits einmal in ganz Dunkle gegangen, in die Nacht. In anderen Gedichtbänden, etwa alles lichter winter hast du Licht- und Schattenverhältnisse ausgekundschaftet, in dunkler winterlicher Landschaft. Und nun: Statt helllichter Tag und dunkler Nacht also das graue Dazwischen. Grauer Tag, graue Wolken. Keine Nacht, die einen umfängt, keine klare helle Weite des Tags, in die man ausgehen kann, sondern dieser Zwischenraum. Bin ich da was auf der Spur? Mir scheint, du bist ganz grundsätzlich an diesen Ausnahmezuständen interessiert. Wenn sich Innen und Außen mischen, überblenden. An den Ekstasezuständen des inneren Empfindens, an den Momenten, wenn das Innere hinausgehalten wird, wie im altgriechischen Wortsinn sowohl außer sich sein, aus sich heraustreten, als auch Verzückung (ein Wort, wie ich merke, das eine zunehmend einseitigere Konnotation hat). Und gleichzeitig bist du ja eine Meisterin darin, das Alltägliche, Augenscheinliche, Sicht- und Spürbare zu verhandeln, aber eben auch auf eine dunkle Rückseite hin wiederum zu verwandeln. Interessiert dich hier auch eine Spannung zwischen diesen beiden Dingen, Ausnahme und Regel gewissermaßen?

Wenn du erlaubst, schließe ich gleich eine zweite Frage an, die damit verknüpft ist, aber nochmals auf etwas anderes zielt. Wenn man, wie du, in den 80er Jahren der DDR mit dem Publizieren angefangen hat, kann ich mir vorstellen – ich bin überhaupt kein Experte für DDR-Literatur, das gebe ich sofort zu –, dass es gar nicht so einfach gewesen sein wird, mit solchen Texten aufzutreten. Ich habe das Gefühl, das muss ein Wagnis gewesen sein, und keinesfalls war es Selbstgänger, dass man dafür Anerkennung findet. Hast du damals Erfahrungen gemacht, dass dir Leute sagten, um mal eine beliebte Satzstellung wiederzuverwenden, „zu dunkel sind“? Kurz gesagt: Wie war das damals?

Jayne-Ann Igel:

Eigentlich spielten Traum und Nacht, das Dunkle allgemein schon in Gedichten ab Anfang der achtziger Jahre eine Rolle. In Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte, das 1989 bei Fischer erschienen war, finden sich etliche Texte, die sich in solchen Bereichen und Zwischenwelten bewegen. Dort kann man Nachtmahren begegnen oder einem Bruder, der sich nächtens aus dem Fenster im Parterre hangelt, einer Liebschaft wegen. Und dann verfasste ich 1987 dazu noch einen Text, der betitelt ist mit Nacht. Konstitution eines Themas (in Sprache und Antwort, Fischer 1988) als Teil meiner Antwort auf eine poetologische Fragestellung seitens Egmont Hesse. Nacht, Traum, Haus und diverse Situationen sind Dinge, die miteinander in Verbindung stehen, sich durchdringen. Und das waren für mich zentrale Themen in den 80ern, aber nicht, indem ich sie als solche ausgewählt, sie haben sich im Schreib- und Erkundungsprozess so ergeben.

Dieses Sicht- und Spürbare, Augenscheinliche, von dem du schreibst, verwandele ich aber mitnichten „auf eine dunkle Rückseite hin“ – eher geht es darum, sie sichtbar zu machen, als Aspekt des Ganzen, resp. die Perspektive darauf zu verändern und zu erweitern.

Das Dazwischen, sich in und durch Zwischenräume zu bewegen, gehört für mich zur alltäglichen Erfahrung. Diese Ausnahmezustände ergeben sich im Alltäglichen. Du beobachtest etwa eine Person auf der Straße, dir fällt deren Haltung auf, oder das Verhalten, immer wieder dies Stocken im Gang, man könnte meinen, sie führte einen Hund an der Leine, was nicht ungewöhnlich im Viertel, doch da ist nichts. Was also treibt die Person an? Das fragt sich der Text im Fortgang, ohne diese Frage zu stellen, er ist schon weiter, ich folge ihm. Er lautet oft in eine Unbestimmtheit aus, im Offenen, das wiederum Bilder zu generieren vermag, ganz gleich, ob man Leser oder Verfasserin ist. Man tritt aus sich heraus und lässt im gleichen Maße Wahrnehmungen in sich ein, das ist etwas, das im Schreiben passiert, automatisch, wenn du dem Prozess folgst, ihm vertraust. Die Ekstase, von der du schreibst, vollzieht sich also im Hintergrund, bildet eine der Bedingungen, damit ein dichter oder intensiver Text entsteht.

Nacht und Traum waren, wie oben erwähnt, schon ab Anfang der Achtziger für mich von Bedeutung, bildeten einen Erkundungsraum. In dieser Zeit begann ich auch, Träume zu notieren, die Initialzündung lieferten die Traumaufzeichnungen Wolfgang Bächlers, die in Margarethe von Trottas Film Schwestern oder Die Balance des Glücks eine Rolle spielen. Für mich steht im Vordergrund, solche Aufzeichnungen gegebenenfalls für Dritte lesbar zu machen, also in literarische Texte zu verwandeln. In denen Übergänge zwischen dem Realen und Irrealen beobachtbar sind. Das Gleiten in Zwischenwelten mit ihrer eigenen Wirklichkeit, und zuzulassen, was sich da spricht, birgt oft Überraschungen.

Beim Publikum, so es ein aufmerksames war, kamen die Texte meistens sehr gut an, schon ab Anfang der 80er, zu einem Zeitpunkt, in dem es noch keine publizierten Texte von mir gab. Selten stellte jemand die Frage, ob es mir denn so schlecht ginge, dass ich solche Sachen schrieb. Also die klassische Gleichsetzung von Autor und lyrischem Ich. Funktionäre störten sich an dem den Gedichten unterstellten Dunkel. Zwar war der in den 50er und 60er Jahren seitens staatlicher Kulturpolitik eingeklagte Sozialistische Realismus mit seiner Forderung nach positiver Darstellung von Personen und den hiesigen Verhältnissen schon obsolet (Kritik daran war danach nur erlaubt, wenn sie positiv und nicht die grundsätzliche Verfasstheit des Staates und seiner Politik infrage stellte), doch es gab noch genug Funktionäre, die dieser Vorstellung verhaftet waren. Noch 1986 wurde eine Lesung von mir mit der Begründung verboten, die Texte seien zu dunkel und dem Publikum nicht zumutbar.

Alexander Kappe:

Dass es dir darum geht, deine Gegenstände als Aspekte des Ganzen sichtbar zu machen, anstatt hinter sie zu gelangen, was ich vorhin eine dunkle Rückseite nannte, das erschließt mir gerade deine Texte nochmals neu. Sehr spannend.

Ich würde gern nochmals zur Schreibbiografie nachhaken. Wie war das für dich dann nach 1990, hast du ein erhöhtes Interesse an in der DDR geborenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern wahrgenommen? Oder war das schwer, in den BRD-dominiertem Literaturbetrieb Fuß zu fassen? Wie haben sich die Szenen entwickelt? Vielleicht kannst du für die unter uns, die sich in der Zeit und den Konstellationen nicht so gut auskennen, ein bisschen was erzählen. Das wäre toll.

Mich interessiert auch: Wie sehr musste man aufpassen, nicht in eine Schublade gesteckt zu werden? Nach dem Motto: Schöne Gedichte, machen wir und drucken wir, und dann kommt da doch bestimmt noch der große Wende-Roman.

Und ändert sich da nicht auch ein wenig, an welche Leserschaft man konkret denkt? Ich behaupte zumindest für mich, eine gewisse Vorstellung zu haben, für wen ich schreibe: ein recht leerer Raum mit wenigen Freunden. An welche Leserschaft denke ich, wen stelle ich mir da vor?

Jayne-Ann Igel:

Einerseits ja, die Erfahrung konnte ich selbst mit dem bei Fischer erschienenen Gedichtband machen, bis ca. 1993/94 war ich immer wieder zu Lesungen im Westen der Republik eingeladen und traf auf ein sehr aufgeschlossenes Publikum. Man war interessiert an dem, was gelesen wurde und man darüber hinaus zu erzählen hatte. Und anderen Autorinnen und Autoren, die zu DDR-Zeiten als kritisch bzw. unangepasst galten, ging es ebenso. Schwerer hatten es jene, die als „staatsnah“ gesehen wurden. Viele hatten mit dem Verlust ihrer Reputation, ihrer Bedeutung zu kämpfen, und manche traf dieses Verdikt auch unberechtigt. Da reichte es oft, dass sie etliche Bände in der DDR verlegt und sich offenbar selbst zensiert hatten. Und in Sonderheit betraf dies eine Autorin wie Christa Wolf, die der Vorwurf der Staatsnähe völlig ungerechtfertigt ereilte. Sie hatte zwar zeitweise öffentliche Ämter in der DDR wahrgenommen, im Vorstand des Schriftstellerverbandes etwa, bis zu ihrem Ausschluss 1977, und wurde von 1959 bis 1962 von der Staatssicherheit als IM geführt. Indes geriet sie rasch danach selbst in deren Fokus, denn sie übte z. B. Kritik an den mit dem 11. Plenum 1965 einhergehenden kulturpolitischen Entscheidungen, die zu massiven Einschränkungen künstlerischer wie kultureller Aktivitäten führte. Und bis zum Ende der DDR setzte sie sich für diskriminierte resp. benachteiligte Autorinnen und Autoren ein, förderte sie, kritisierte die Zensur, etwa via Druckgenehmigungsverfahren

Mit und nach den Umbrüchen im Herbst 1989 gründeten sich verschiedene Autorenvereinigungen, die ASSO in Dresden beispielsweise, die mit zu einer neuen Vielfalt im literarischen Leben beitrugen, einem gleichberechtigten Miteinander. Vergleichbares geschah ja auch im künstlerischen Bereich. Selbst war und bin ich kein Mitglied einer der Vereinigungen, wurde und werde aber gelegentlich zu Veranstaltungen in deren Rahmen eingeladen.

Der große Wende-Roman wurde vom Feuilleton ja schon zeitig eingeklagt, in völliger Verkennung dessen, wie künstlerische Prozesse nun mal ablaufen. Ich glaube, ab Mitte der 90er begann man damit. Mich ließ man allerdings in Ruhe, als Vertreterin der kleinen Form, und die Prosa, die ich später bei Urs Engeler veröffentlichte, spiegelten die 70er und 80er Jahre. Lutz Seiler brachte 2020 mit Stern 111 so etwas wie einen Wende-Roman heraus, und meinen 1991 bei Reclam Leipzig erschienener Band Fahrwasser könnte man auch als Buch zur Wende bezeichnen, mit den Tagebuchaufzeichnungen von 1989/90, die neben persönlichen auch gesellschaftliche Vorgänge reflektieren.

Von einem gewissen Hang zu „Schubladen“ war der Umgang mit den Vergangenheiten von Autorinnen und Autoren aus der DDR schon geprägt, von Zu- und Einordnungen, die manches Mal sehr pauschal erfolgten.

Die Frage der Leserschaft – so sehr stellt die sich für mich nicht, wenn ich an Texten arbeite, da steht die Arbeit im Vordergrund. Wenn es um die Drucklegung geht, kommt dann die Überlegung, ob dieser oder jener Begriff, Name, vielleicht auch Umstand, der in einem gewissen Kontext wichtig gewesen, für die Leserschaft, die ja eine gegenwärtige ist, oft auch jüngeren Alters, so noch nachvollziehbar ist und es möglicherweise hilfreich, mit Fußnoten zu arbeiten. So sparsam allerdings, wie möglich, denn eine interessierte Leserschaft findet ihre Wege, erarbeitet sich den Text.

Alexander Kappe:

Nochmals zurück zu den Gedichten. Nicht nur Nacht und Traum, sondern auch den Fensterblick kennt man aus der Romantik. Bei Eichendorff gibt es das Gedicht Sehnsucht. Während einer Sommernacht wird da fasziniert auf Berghänge geblickt. Man sieht emporsteigende, lebensfrohe Wanderer. Man folgt ihnen mit Blicken und Gedanken. Aber man ist eben nicht Teil der Gruppe ist, nur Beobachter. Von Caspar David Friedrich, den du ja schon erwähnt hast, gibt es gleich mehrere Bilder, die den melancholischen Blick aus dem Fenster verhandeln. 100 Jahre später werden sie von Dali und dem Surrealismus. weiterverarbeitet. In der Nachtwache findet man sich in der Tradition von Novalis Hymnen an die Nacht wieder. Die Nacht als Rückseite des Tags, der Klarheit der Empfindungen. Man kann auch an Trakl und Expressionismus denken, wenn Nacht als Ort des Traums gedacht wird, der Abgründe bereithält, etwa in den Gedichten Traum des Bösen, Sebastian im Traum oder Traum und Umnachtung. Was bedeuten diese drei Traditionen, Romantik, Expressionismus, vielleicht auch Surrealismus für dich?

Jayne-Ann Igel:

Die Romantik bietet eine Vielfalt von Formen und Themen, sie öffnete den Blick fürs Un- und Unterbewusste, mit literarischen, künstlerischen Mitteln, setzte sich auch mit den negativen Begleiterscheinungen der im 19. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung auseinander, Vereinzelung, Entwurzelung und Verarmung vieler Existenzen, Umweltzerstörung usw. Also nichts mit Idealisierung und Beschönigung, was der künstlerischen Epoche gern nachgesagt wurde – sicher, es gibt auch Beispiele für solche Tendenzen, doch sie machen nicht das Ganze der Romantik aus. Paul Verlaines Gedicht Charleroi etwa, in dem das Leben in einer belgischen Industrieregion widergespiegelt wird, spricht da eine andere Sprache. Dieses Gedicht hat mich schon zeitig, als Jugendliche fasziniert. Aber zu meinen Traumaufzeichnungen ab Anfang 80er Jahre bin ich eben nicht vermittels der Romantik gekommen. Die Nacht als Rückseite des Tages – wenn ich die Aufzeichnungen betrachte, so setzt sich in ihnen oft der Tag fort, nur mit anderen Mitteln, und zuweilen ist darin eine Klarheit von Empfindungen wie der Wahrnehmung oder des Denkens zu finden, die sich vor der des Tages nicht verbergen muss. Und dann gibt es noch die Tagträume, welche Räume öffnen sich da –

In unserem literarisch, künstlerisch und politisch sehr interessierten Freundeskreis im Leipzig der 70er und 80er Jahre spielte die intensive Auseinandersetzung mit der Moderne eine große Rolle. Wir beschäftigen uns mit Expressionismus, Dada und Surrealismus, Malerei, Literatur, Filmen. Expressionistische Texte wurden in der DDR publiziert, das Leipziger Programmkino Casino zeigte in den 70/80ern eine Reihe surrealistischer Filme, von Bunuel etwa, wir haben keine der Aufführungen verpasst. Die surrealistische Perspektive passte in diese Zeit, in der vieles absurd erschien, und so eine Möglichkeit bot, damit umzugehen, das Ganze spielerisch „wider den Strich“ zu bürsten. Nebenbei, in den 80ern hielt ich, zu Gast in der Hausbesetzer-Szene in Leipzig, einen Vortrag zu Dali, einem der prominentesten surrealistischen Künstler. Einer von der Stasi hat versucht, das zu protokollieren, wie ich später meiner Akte entnehmen konnte.

Alexander Kappe:

Wenn ich deine Gedichtbände lese, bin ich immer wieder fasziniert, wie großartig sie zusammengesetzt sind. Nicht zwanghaft konzeptuell, aber auch keine losen Sammlungen der besten Texte der zurückliegenden Schreibjahre; es gibt ein Thema oder mehrere Themen, es gibt diese Verbindungen von Text und Fotos. Am Ende hat man etwas wirklich Organisches in der Hand.

Wenn man mir ein Blatt vor die Nase halten würde mit einem deiner Gedichte, ich glaube, ich würde sofort erkennen, dass es von dir ist. Und zwar wegen dieser für mich einzigartigen Flüssigkeit der Gedichte, der besonderen Art des Registrierens, dem Ineinanderschieben von sinnlichen Wahrnehmungen, die als Sprungbrett dienen für gedankliche Reflektion, wie auch umgekehrt. Und auch, weil die Gedichte – bis auf wenige Ausnahmen – nicht auf eine Pointe zusteuern, und auch nicht „am Anfang beginnen“. Manche Gedichte, scheint mir, könnte man genauso gut umdrehen, hinten beginnen, rückwärts lesen. Welche Bedeutung hat dieses Fließende für dich? Und der Einsatzpunkt des Gedichts?

Und bei der Gelegenheit: Mein Eindruck ist, wenn ich dich höre und an die Gedichte denke, dass Biografie und Schreibbiografie und deine Dichtung doch an einem Punkt sehr enggeführt werden können. Die DDR war ein Staat – ohne ihn selbst erlebt zu haben – der Unmengen von Dingen registrierte, notierte, zur Kenntnis nahm, zu Papier brachte. Unmengen von Aktenbergen, Unmengen von Papier. Das Leben der Bürger wird verdoppelt.

Machen deine Gedichte dann nicht genau die umgekehrte Wendung? Sie sagen: Ich nehme wahr, ich registriere, aber ich registriere sensibel, nehme Feinheiten war, stelle sie – ohne Wertung, ohne etwas in Zwangssysteme pressen zu wollen – nebeneinander, lasse sie übergehen, eben fließen, hebe auch Grenzen auf? Statt der Registrierung des Äußeren eine Registratur des Inneren, quasi. Und bei dir fließt ja alles. Überall Kommata statt Punkte. Gedichtanfänge, die auch das Ende sein könnten und umgekehrt, wie eben gesagt. Wahrnehmungen, die ineinander übergehen. Kannst du damit etwas anfangen?

Jayne-Ann Igel:

Ja, mit Deiner Interpretation kann ich was anfangen, denn was sich in den Texten abbildet, ist im Fluss, es sind Prozesse, resp. Momente davon. Für mich ist es konsequent, da keinen Punkt zu setzen. Und mir geht es um eine differenzierte Wahrnehmung, die Wirklichkeit ist zumeist komplexer, auch widersprüchlich, wie auch jedes Individuum mit eigenen Ambivalenzen klarkommen, das aushalten muss. Den Einsatzpunkt bilden eine tragende Zeile oder Wortgruppe, aus der sich etwas entwickeln kann, entweder schon im Notieren dieser Worte oder etwas später, wenn ich erneut die Zeile lese und da ansetzen und weiterschreiben kann. Auf die Sensibilität von Wahrnehmungen kommt es mir an, nicht auf Wertungen, nur so können Texte entstehen, die etwas öffnen, in ganz anderer Weise als der gewohnten Sicht Dinge wahrnehmbar machen.

Wichtiger als ein Konzept ist mir die Dramaturgie beim Zusammenstellen eines neuen Bands, die Kapitel gründen sich auf Basis thematischer Schwerpunkte, das wiederum aber nicht zu streng, denn so wie der Schreibprozess ein offener ist, soll sich auch der Prozess des Lesens, Wahrnehmens gestalten. Also etwas Führung, aber auch genug Raum, die Texte in verschiedene Zusammenhänge zu rücken.

Alexander Kappe:

Zuletzt will ich gern mit dir noch über den Stellenwert des Bildnerischen oder genauer, des Fotografischen in deinem Werk sprechen. Die beim gutleut verlag erschienenen Bände sind geprägt von Fotografien, die du selbst aufnimmt. Wer dir in den sozialen Medien folgt, wozu ich an dieser Stelle rate, kann einem Gedichtband von ihr, zumindest dem grafischen Teil, beim Entstehen zugucken, denn regelmäßig postest du Fotografien. Welchen Stellenwert hat das Bildnerische und Fotografische für dich?

Bereits deine ersten Publikationen waren vom Grafischen geprägt. Der Debütband in der berühmten Reihe Poesiealbum wurde von Detlef Schweiger mitgestaltet, der Band 1989 bei Fischer ebenso. Hat sich dein Verhältnis zu diesem grafischen Arbeiten über die Jahre geändert? Sprich: Hat dich etwas Anderes am Bildnerischen in der Wendezeit interessiert, als es das heute tut? Würdest du sagen, dein Ansatz hat sich verändert, verschoben? Ist etwas besonders in den Fokus gerückt?

Mir scheint das Fotografische einerseits konzeptuell zu den Büchern zugehören. Gleichzeitig willst du das Fotografische nicht einfach als Illustration der Gedichte verstehen, sondern als Abschweifungen. Tippe ich da mit dem Finger auf etwas Zutreffendes? Manchmal erkenne ich Verbindungen zwischen Foto und Text, manchmal hat ein Foto eine Eigensinnigkeit, eine Eigenwirkung, steht im Verhältnis zum Text wie über; das finde ich ganz besonders schön. Also, zum Schluss nochmals in die Schreibstube, oder eher ins Fotolabor. Wie arbeitest du, wie kann man sich das vorstellen? Gehst du raus in die Welt, suchst nach Motiven, fotografierst, irgendwie kommt dann ein Text dazu? Sind da erstmal eine Menge Texte, dann eine Menge Fotos, über die Zeit entstanden, und dann werden Wechselwirkungen abgetastet? Magst du uns ein wenig mitnehmen in den konkreten Prozess des Schreibens und der Komposition deiner Gedichtbände?

Jayne-Ann Igel:

Ich suche nicht nach Motiven für die Fotos, ich entdecke sie für mich bei den Gängen durchs Viertel oder wo auch immer ich mich aufhalte. Das Bildnerische verstehe ich weniger als Abschweifung, vielmehr als ein anderes Mittel zur poetischen Auseinandersetzung oder Reflexion von Welt, Wirklichkeit. Die Fotos stehen für sich und dennoch im Dialog mit den Texten. Entfremdung und Nähe spielen eine große Rolle, Überformungen von Landschaft, Verlassenheit. Für die Bände suche ich Fotos heraus, die so etwas wie eine Serie bilden. Vom ersten Band an (1989) war mir diese Dimension des Bildnerischen wichtig, zuerst arbeitete ich mit dem Maler Detlef Schweiger zusammen, mit dem ich auch freundschaftlich verbunden bin, in den 80er Jahren entstanden so mehrere Gedichte-Grafik-Mappen, wir beteiligten uns auch an Projekten der unabhängigen Szenen in Berlin, Leipzig und Dresden. Und manches ergab sich auch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, bis in die 2000er Jahre hinein. Und dann begann ich, nach sehr langer Zeit, wieder zu fotografieren, und das nahm eine Entwicklung, die für mich nicht vorhersehbar war.

Manchmal habe ich nichts zum Fotografieren dabei, dann versuche ich das Motiv in Text zu übersetzen, in dieser Weise die Entdeckung zu bewahren, lesbar zu machen, was eine Herausforderung darstellt.

Alexander Kappe:

Liebe Jayne-Ann, vielen Dank für dieses wirklich schöne Interview und den Einblick in dein Schreiben, deine Schreibbiografie – und danke für deine Lyrik.