Wer spricht?

Alissa Walser: Nachmittags der Gedanke

 

Einer der Väter habe gesagt, Hölderlin

ist wahnsinnig gewesen. Er hat

seiner Mutter das ganze Gesicht zerkratzt.

 

Ich sollte jetzt schlafen gehen, sonst

spuckt die Nacht mich wieder aus

und frißt stattdessen den nächsten Tag.

 

(erschienen in Eva Köstner: „re-marks 2 – tagebücher“. Gutleut-Verlag, Frankfurt a. M. 2010; © Alissa Walser)

 

Wer spricht? Das ist eine grundsätzliche Frage, nicht nur bezogen aufs Gedicht. Eine realitätsnahe Antwort bietet Orientierung und Halt, so etwas wie ein sicheres Manövrieren durch die Fahrwasser und Fährnisse des Lebens, dessen Gelingen ja unter anderem aus eigenen und fremden Stimmen sowie deren möglichst harmonischem Zusammenspiel besteht. Zwischen ihnen unterscheiden und sie einer klar umrissenen Quelle zuordnen zu können, macht wohl einen Großteil psychischer Gesundheit aus. In dem Gedicht „Nachmittags der Gedanke“ von Alissa Walser (* 1961) kann von klaren Umrissen nicht recht die Rede sein. Es zeigt vielmehr, wie sich eigene und fremde Stimmen überlagern und ineinander verheddern können, um am Ende das Ich mit einer allgegenwärtigen Kinderangst zu überwältigen.

Das in diesem Gedicht – selbstverständlich von der Autorin – Gesagte wirkt wie von einer Stimme aus dem Off gesagt, die Dinge von sich gibt, welche so vielleicht weder beschaffen sind noch stattgefunden haben. Interessanterweise ist die Konjunktivkonstruktion des ersten, sich über zwei Verse erstreckenden Satzes auf das Subjekt der Mitteilung bezogen und nicht auf ihren Inhalt. Das Gegenteil ist also ebenfalls möglich, das heißt, der Dichter Hölderlin ist nicht wahnsinnig gewesen. Und auch, wenn „einer der Väter“ nichts oder etwas anderes gesagt haben sollte, bleibt das Nichtausgesprochene potenziell wahr. Das Ausgesprochene aber eben auch, die Wahrheit der Aussage, Hölderlin sei wahnsinnig gewesen, gilt ja als historisch erwiesen. Leider ist nicht bekannt, ob „einer der Väter“ etwas – und das – gesagt hat oder nicht. Welcher „der Väter“ übrigens? Und warum eigentlich an dieser Stelle der Plural – der leibliche, der geistige, der dreieinige? Das Gedicht zeigt keinerlei religiöse Aspekte, also kann die erste Strophe durchaus als ein Hinweis darauf gelesen werden, dass der eigene Vater, vor allem einer Tochter, quasi immer nur die Spitze des Eisbergs darstellt, und Söhne – wie Hölderlin – auch nichts anderes sind als potenzielle Väter, der fehlende, abwesende oder tote Vater sich aber systemisch in der Mutter manifestiert.

Die Distanz, mit der dieses Gedicht den Leser empfängt, ergibt sich aus einem ganz offen und klar ausgestellten Hörensagen, das dann allerdings, wenn es gesagt wurde, exakt von einer solchen Aussage über Hölderlins Geisteszustand unterrichtet ist. Wahnsinn – ein weites Feld und um 1800 sicherlich ein Begriff, der für jede Art von auffälligem oder abweichendem Verhalten schnell und gern bei der Hand war. Was immer es für ein Zustand gewesen ist, in dem sich der Bordeaux-Rückkehrer befand – auf den Nenner des Wahnsinns scheint man es bringen zu können. Ein wenig steht mir die entsprechende Szenerie einer Visite vor Augen: Leute in weißen Kitteln fuchteln auf Schreibunterlagen für die Pflegedokumentation herum, alles entgleist ein bisschen in wahnhaftes Erleben. Der Vater des Gedankens (in Gestalt eines Homburger Arztes) plädiert für Bettruhe, der Dichter wird zum Patienten erklärt, der den Diagnosen nichts mehr entgegensetzen, denen er sich nur noch stumm hingeben kann. Irgendetwas stimmt mit der Beziehung zur Mutter nicht, da ist ein alter tiefsitzender Hass, der es nötig gemacht hat, ihn aus dem Verkehr zu ziehen.

Das Gedicht wechselt dann schroff die Perspektive und setzt Hölderlin/Ich in eins. Sollte ich meiner Dunkelangst nicht dadurch Herr werden, dass ich in Schlaf falle? Festen, der Angst gewachsenen Schlaf? Denn nur er schützt mich noch, die Wachen und Verschreckten bleiben außen vor, das heißt zurück in der Angst vor nicht enden wollender Nacht. Das Paradox der zweiten Strophe bringt den alternativlosen Ausweg – des Schlafs und der schützenden Nacht – ans Tageslicht. Denn es bleibt natürlich auch umgekehrt wahr: Der nächste Tag wird die vergangene Nacht fressen. Und wenn die Nacht mich wieder ausspuckt, denke ich daran, dem Titel folgend, auch nachmittags noch. Formal betrachtet transformiert Alissa Walser aus den Terzinen, die seit Hugo von Hofmannsthal vor allem auch von Autorinnen wie Annemarie Bostroem oder Ann Carson geschrieben wurden, ein Concetto. Die Überraschung, die diese Form verlangt, wirft schlussendlich den Leser auf die identische Leibhaftigkeit des Widerspruchs von Gesagtem (erste Strophe) und Gelebtem (zweite Strophe) zurück.

 

Marcus Roloff

 

 

 

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