Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass


Ein paar Gedanken zu meiner Besprechung des Buchs Annäherung an das Buch im Rahmen der Lyrikkritikakademie

von Martina Hefter

Was für eine Art zu Lesen ist das, wenn man einen Band aus einer vierteiligen Werkausgabe aufschlägt, in dem beinah 500 Gedichte versammelt sind? Sehr sicher haben die Herausgeber*innen eine andere Definition von Leserschaft im Sinn als die Autor*innen es hatten, denen solche Werkausgaben gewidmet sind, und die beim Schreiben der Gedichte ja noch gar nicht wussten, dass diese einmal in einer Werkausgabe stehen werden.

Dass meine Beschäftigung mit dem Band “Christine Lavant: Nachgelassene Gedichte” (als Teil einer vierbändigen Werkausgabe) Ergebnis einer Schreibaufgabe im Rahmen der Lyrikkritikakademie war, muss ich hier erwähnen, und auch, dass ich ohne diese Aufgabe sehr sicher zu keiner Zeit, in welcher Funktion auch immer, etwas über den Band und über die Dichtung von Christine Lavant geschrieben hätte.

An den Gedichten von Christine Lavant Gefallen zu finden, fiel mir schon immer schwer. Mir erschienen sie, seit ich ihnen das erste Mal begegnet bin, zu pathetisch, zu wuchtig, ich hatte sie immer schnell vergessen, sie berührten mich nicht. Das außerhalb des Kontexts “Lyrikkritik” auszusprechen, ist etwas anderes, als es innerhalb dieses Kontextes zu tun. Das ist mir sehr wohl klar.

Innerhalb des Kontexts Lyrikkrititk muss ich mein Missfallen sehr viel differenzierter darstellen und es belegen, an einzelnen Gedichten genauso wie in ihrer Gesamtheit. Angesichts der schieren Masse von knapp 500 Gedichten in dem Band ein unmögliches Unterfangen. Aber vielleicht – dachte ich – gibt es ja Tendenzen, Kennzeichen, die sich durch das Werk ziehen? So eine Betrachtung birgt die Gefahr, dass man in dem Buch vielleicht zehn Gedichte schlicht übersieht, für die das, was man für die 490 anderen herausgefunden zu haben meint, nicht gilt.

Für mein Empfinden gibt es so viele große, schwere Wörter, eigentlich Begriffe, in den Gedichten. Wenn es Begriffe sind, klingen sie mir in ihrer Wörterform oft klanglich zu stählern. Zum Beispiel: Himmelsstürme, Gebete, geborgen, entzwei, unendlich, fremd, erschüttert, tot, preisend, reifen, rufen, hüten, streifen, werfen, ertragen, schlagen, erbleichen, zerrinnen, vollenden.

Oder manche Wörter klingen zu samtig bzw. die Begriffe evozieren auch samtige Bilder: Schimmer, Demut, Ufer, Nacht, Mond, Schweigen, Bürde, Engel.

Natürlich ist es unlauter, Gedichte nach Wörtern zu scannen, die einem zu groß, zu schwer erscheinen, denn es kommt ja auf den Kontext an, in dem sie stehen, und in welche grammatikalische Form sie gesetzt werden. Aber diese Auswahl an Wörtern stammt aus nur vier oder fünf Gedichten, und so dicht beieinander klingen sie für mich laut, hallend, steinern – gerade in Zusammenhang mit den fast immer in wechselnden Schemen auftretenden Reimen. Die samtigen Wörter/Begriffe ergänzen das eher, als das sie es abmildern. Das ergibt einen speziellen, eigenen Sound – was ich durchaus als Errungenschaft der Gedichte empfinde. Aber dieser Sound ändert sich kaum, und es entsteht für mich schon nach wenigen Seiten ein merkwürdig blecherner Hallraum, oder auch der Eindruck eines riesigen Museums monumentaler Werke, oder eines orchestralen Tönens, das aber in seinen Dynamiken kaum einmal variiert.

Ich fragte mich beim Lesen, ob ich mit den Gedichten Christine Lavants Gegenwart erfassen und auch reflektieren kann. Und fand für mich als Antwort: Nein, an den Gedichten selbst kann ich es nicht. Weil darin keine Fragen und Themen auftauchen, die irgendwie konkret sind? Alles, was ich als Antwort geben kann, wenn ich danach frage, worum es in den Gedichten Lavants geht, klingt – für eine Besprechung, eine kritische Betrachtung – unlauter. Für mich selbst allerdings ist es durchaus lauter: Es geht um großes Gefühl, großes Empfinden – hauptsächlich von Weltschmerz, Einsamkeit, Abgeschiedenheit. Es geht aber nur um das Gefühl. Nicht darum, woher es kommt. Oder sehe ich nur nicht, worum es sonst noch gehen könnte? Oder woher das Gefühl eben kommt? Warum ist der Weltschmerz und das Einsame da? Lebe ich nur zu sehr in sehr konkreten Umständen, als dass mich das, was ich als seltsam unkonkret und wenig lebendig empfinde in den Gedichten, erreichen könnte? Es erreicht ja anscheinend doch sehr viele meiner Kolleg*innen. Ich meine das weder ironisch, noch ist es mit einem Leidensdruck gesagt: Vielleicht bin ich zu wenig “richtige” Dichterin für diese Gedichte.

Wie schon gesagt, ohne die Schreibaufgabe hätte ich eher nicht zu welchem Anlass auch immer über diese Gedichte etwas geschrieben. Allerdings habe ich aus den 4 Vorschlägen für eine Rezension, die uns gemacht wurden, eben doch Christine Lavants Werke aus dem Nachlass ausgesucht. Wieso eigentlich?

Als Teil einer Werkausgabe betrachtet, geht es in dem Band um Vollständigkeit, um Sammlung, ums Bewahren und Verzeichnen, auch um Andenken und nicht zuletzt um Information. Die Anhänge und biografischen Notizen und herausgeberischen Kommentare sind ja genauso Teil des Bandes wie die Gedichte – und sie habe ich gern gelesen. Nicht nur aus einer biografischen Neugier, sondern weil ich dachte, ich könnte dadurch doch etwas in den Gedichten finden, was mich anspricht.

Ich zitiere aus meinem Versuch einer Rezension: “Die editorischen Notizen und das Nachwort gewähren Einblicke in private Lebensumstände der Dichterin. Der biografische Kontext immerhin hilft, Lavants Gedichte “zu verstehen”. Man muss sie nicht mögen, aber man kann vielleicht verstehen, wieso sie so sind, wie sie sind. Wenn im Nachwort zu lesen ist, die Gedichte Christine Lavants wirkten bereits Ende der 50-er Jahre “wie aus der Zeit gefallen” und wurden in “maßgeblichen” Anthologien der frühen 60-er-Jahre nicht aufgenommen, bestätigt das einerseits die oben dargestellte Lesart, andererseits beginnen da die Gedichte doch, ein Interesse zu wecken über die Kategorien von “Gefallen” oder “Nicht Gefallen” hinaus.”

Da war ich dann hineingerutscht in eine Lesart, die alle äußeren (und damit auch die inneren, vielleicht psychologisch erklärbaren) Umstände des Schaffens der Autorin in den Blick nehmen. Ich fragte mich, wenn Lavants Gedichte nicht in maßgebliche Anthologien aufgenommen wurden, hieß das nicht vielleicht auch, dass sie eigenständig waren und in ihrer – meinem Empfinden nach – monumentalen Gefälligkeit, dem großen Klang dann schon wieder revolutionär? Weil sie einfach sozusagen ihr Ding durchzogen und sich so gegen bloße modische Tendenzen, die schnell wieder verpuffen könnten, auch schützten?

Nochmal ein Zitat aus dem Rezensionsversuch: “Inwieweit muss man die schwierigen Lebensumstände der Dichterin, von Armut und von Krankheit geprägt, mit in die Gedichte hineinlesen? Diese editorischen Texte sind es am Ende, die die Gedichte aus dem Nachlass dann einbetten und einen Zugang ermöglichen, der vor allem Aufschluss gibt über Bedingungen und Ergebnisse künstlerischen Schaffens, und da lassen sich ja durchaus Parallelen zur Gegenwart ziehen.”

Ich hatte eigentlich gedacht, ich hätte mit dem Rezi-Versuch einen eher positiven Text zu den Lavant-Gedichten geschrieben – für mich war klar, ich stelle den Versuch dar, wie ich verstehen will, wieso Lavant ihre Gedichte so schrieb. Diese Art von Schreibhaltung zumindest bewundere ich, für mich ist es etwas Positives. Allerdings hatte sich diese Haltung den anderen TN der Lyrikkritikakademie nicht mitgeteilt. Da hat mein Text nicht funktioniert.

Es gab generell den Einwand, ich hätte nicht über den Lavant-Band schreiben sollen, wenn er, bzw. generell die Lavant-Gedichte, mir nicht gefielen. Mit diesem Einwand wird ja eigentlich ein Unterschied gemacht zwischen den Gedichten einer halbwegs kanonisierten Autorin und den Gedichten welcher Gegenwartsautoren auch immer – denn niemand in unserer Runde wurde jemals mit dem gleichen Einwand konfrontiert, wenn er oder sie einen Gegenwartsgedichtband negativ besprach.

Wahrscheinlich war ich zu unbedarft vorgegangen, hatte zu sehr meine private Lesehaltung dargestellt, ohne sie als privat zu kennzeichnen. Womöglich hat das so gewirkt, als hätte ich die Gedichte Lavants betrachtet wie jemand im Museum, der*die sich mit Kunst gar nicht auskennt und bei abstrakter Malerei sagt, das kann doch jeder hinpinseln.

Heißt das dann, die Gedichte Lavants haben eine objektive, feststehende Qualität, die man nicht einfach wegwischen kann? Ich glaube ungern an feststehende, allgemein gültige Qualitäten in jeglichen literarischen Texten. Ich glaube aber schon an die Individualität der Wahrnehmung, und dass jede Wahrnehmung ihre Berechtigung hat. Es kommt aber auf die Art der Formulierung an, und auch darauf, wie bewusst man diese Wahrnehmung in welchen Kontext einordnet, wenn man sie äußert.

Wer kann und darf auf welche Weise Unbehagen an kanonisierter oder zumindest in Werkausgaben herausgegebener und somit in bestimmter Hinsicht “etablierter” Dichtung äußern? Das frage ich mich seither immer mal wieder, und zwar ohne in diese Frage eine gewisse – kritische – Tendenz zu legen. Ich frage es ernsthaft und mit großem Interesse.

Was mich am Ende wieder zur Frage bringt, was ist denn überhaupt Kritik, in diesem Fall Lyrikkritik, und wie soll, kann und darf sie aussehen? Wann gibt es sie überhaupt und wann gibt es sie nicht, wann ist eine private Äußerung Kritik, oder ist sie es nie? Und umgekehrt.

Alles interessante Fragen. Dafür hat sich mein Text und das Nachdenken über die Gedichte von Christine Lavant auf jeden Fall gelohnt.

Christine Lavant – Gedchte aus dem Nachlass. Wallstein-Verlag, 2017 Berlin