Notizen zum 5.9.

Notizen zur Session vom 5.9.


Grundsätzliche Fragen zu den Interessen der TeilnehmerInnen

– Rekapitulation: Kritik zwischen Rezension und akademischer Analyse

– Profunde Einleitungen zu Lesungen in Österreich und lapidare Selbstvorstellungen in Deutschland (oder “Preisliste“) – verschiedene Auffassungen von Lesung

– Nimmt die Streit- und Verrisskultur ab? (dazu Verweis auch auf die Sessions von Maren Jäger und Peter Geist)

– Kritik soll „Räume“ eröffnen

– verschiedene Perspektiven der Kritik

– wie hängt Kritik, ihre Sprache, mit dem sonstigen Sprechen und unserem Sprachumfeld zu tun

– scharfe Kritik (z.B.) als Literaturhaus „partikularisiert“, d.h. sie kann nicht mehr für alle stehen (kritein=scheiden)

– Kritik findet gar nicht (systematisch als Gattung) in der Schule, der Erziehung und den Universitäten statt

– wenn Kritik über Rezension hinausgehen will, muss sie diese Basis nicht zwangsläufig durchlaufen haben, kann aber auch nicht hier und da hinter einen solchen Stand zurückfallen

– materialortientierte Kritik, Kritik nicht über ihr Objekt stellen

– schlechte Literatur wird unterschätzt, auch dort kann es zu Zündungen kommen oder man kann dort etwas erkennen („Kernkonstellationen“)

– zu viel Gelungenes auf mittlerem, zu wenig Gescheitertes auf hohem Niveau

– was sind im Text die Gründe für Faszination, Kritik als Erkenntnismittel der Ästhetik

– Potentiale aufschließen


Unterschiede in der Kultur, zwei (oder mehr Perspektiven)

– man kann immer zwei oder mehr Perspektiven entwickeln. eine fremde Kultur zwingt einen aber dazu, eine zusätzliche Perspektive zu entwickeln (wenn wir nicht „ignorant“ sein wollen), umso mehr, wenn die Vertreter einer Kultur als „Widerstandskämpfer“, Grand Dame oder anderes „akkreditiert“ sind

– wie geht man mit diesem Unterschied dessen, „was geht“, um. Potential? zwei mögliche Positionen: ich sehe ja, dort gibt es einen vielfältigen Kulturraum, in dem das lebt und nicht Klischee ist. oder: nein, es gibt Standarts, das ist einfach „rückständig“

– Versschmuggel: schönes Beispiel, es gibt diesen Effekt natürlich auch umgekehrt: andere Kulturen sind über die deutsche Lyrikauffassung irritiert

– Fremdheiten, Irritationen, Selbstwiderspruch: einerseits wird fremde Kultur als etwas Bereichenderes empfunden, eine anspielungsreiche, kulturbeflissene Lyrik aber eher als „überfrachtet“ bewertet. unterschiedliche Arten von Fremdheit mit unterschiedlichen Wertungshierachien

– normativer oder deskriptiver Ansatz?

– das Fremde im eigenen Text als Fetisch

– z.B. Heaney: die ganze Anspielungsfülle Heaneys, „bürgerliche“ Tradition, Bildung, etc – ist das ein Auslaufodell?

– gibt es einen gap in Deutschland zwischen englischer erzählerischer Tradition, die fortwirkt in berühmten Autoren wie Grünbein, Schrott und vor allem Jan Wagner – und dem, was szenenintern (oder auch in einer anderen Fraktion: Rinck, Cotten, Popp) als „relevant“ und progressiv angesehen wird

– kann man Fremdheit überhaupt adressieren? ist die „Aneignung“ überhaupt relevant? was passiert mit den eigenen Wertungskriterien, wenn man konfrontiert wird mit „Fremdem“, sei es dichtungstraditionell, sei es kulturell

– Unterschied zwischen „Aneignung“ und „Sich-Verlieren“ im Anderen, was ja automatisch zu einer Art Schizzoisierung führen würde. bzw wer ist eigentlich hegemonial? (Stichwort: japanische Kultur, die auf Deutschland „übergreift“)

– der „ethnologische“ Zugang muss nicht Andockungsmomente verhindern

– das Problem der kulturübergreifenden Kriterien

– ist der Begriff „Fremdheit“ nicht in einer Art setzend, die die Diskussion in einer falsche Richtung führt. Besser: Differenz

– Dialog zwischen verschiedenen Herangehensweisen: „Islamwissenschaftler“, Einladende, Dichter, Essayistin etc. wie adressiere ich Differenz


Diskussionen entlang der Probetexte:

(zu Alexander Estis Text)

– gibt es verschiedene Ausdrucksformen (poetisch, akademisch, spielerisch etc) oder auch Konkretisierungen (Zoom, Übersicht, deskriptiv unterfüttert etc.) einer Perspektive, einer Lesehaltung? oder stellt das immer schon eine je andere Lesehaltung dar

– eine Kritik, die die Satisfaktionsfähigkeit des Kritikers mit dem Autor in den Raum stellt bzw herstellt

– Persiflagen, Pastichen etc. also Formen, die in einem Zwischenraum zwischen sich und dem anderen steckenbleiben, wurden lange minder geschätzt, weil sie keine klare Identifikation anbinden

– Frage: gibt es eine Standartfolie („Rezension“) von der man abweicht, der man hinzufügt im Überschuss oder ist umgekehrt „Rezension“ Kürzung und Zurechtschneidung einer schon anwesenden Fülle

– Kritik stellt das selbst in Wissenschaft invisibel gemachte subjektive Moment des Wertenden aus und stellt es damit zur Disposition. das wird auch noch oder gerade an parodistischen oder persiflierenden Momenten einer Kritik deutlich

– dem gegenüber stünde eine rein deskriptive Kritik (ist sie möglich?)


(zu Dorothée Leidigs Text)

– Wörter als Türen (zu: Historie, Atmosphäre, anderen Wörtern, Erfahrung…?)

– Vielfalt der Raummetaphern, Vielfalt der Bezüge, Orte, Zeiten, Klänge, Räume

– Kritik als Umschrift, der Komponenten der Texte neu anordnet und zusammenstellt und dadurch andere Perspektiven, die traditionelle Lesarten erweitert, auf der anderen Seite Dialog mit dem Autor

– wie führt man diese Räume, die die Rezension öffnet (oder ihnen folgt, sie aus den Gedichten entwickelt) wieder zusammen (Fazit?)

– auch nicht-akademisch kann man aus akademischen Diskursen Begriffe fruchtbar machen für die eigene Kritik-Arbeit


(zu Sibylla Vričić Hausmanns Text)

– Vergleich mit anderen AutorInnen

– wie stark können eigene Interessen an den Text herangetragen werden, welche Rolle spielen Genderfragen?

– inwiefern kann das Problem eines Autors das der Tradition sein?

– zeigt sich die Stärke oder Schwäche einer Rezension in der Haltung oder Ansicht oder nicht vielmehr in der konkreten Formulierung, die sie trägt oder zum Ausdruck bringt

– ist männliches Schreiben unkörperlich, resultierend aus der Abgeschnittenheit des Mannes von körperlichen Vorgängen wie Geburt etc?

– Personae des Dichters, der Dichterin

– Unterschiedliche Register: wie vertragen sie sich


(zu Sara Hausers Text)

– die Wichtigkeit passend ausgewählter Beispiele

– Wichtigkeit der Setzung des eigenen Vokabulars, der entsprechende Erwartungen und Rahmen setzt, die auf Einlösung warten

– immer die Frage, was muss ich begründen, was kann ich einfach setzen

– eine Rezension, die durch Plausibilisierung einer Lesart die Dichtung selbst hervortreten lassen kann

– greifbar: abgegriffen


(zu Stefan Schmitzers Text)

– für wen schreibe ich: Metareflexionen zur Kritik, die verhandeln, was der Kritiker, die Kritikerin macht, aus welcher Motivation heraus, in welcher Hinsicht

– schwieriges Scharnier: Überprüfen der Übergänge und logischen Streben

– Kritik und literarisches Schreiben überschneiden sich: Aneignungsprozesse

– welcher Leser bin ich: Kritiker, Genießer, Workshopteilnehmer

– wie liest man als Kritiker: erster Durchgang unbefangen, heißt mit allen Vorurteilen, Aversionen, Begeisterung, also: erstmal extrem „befangen“

– ich muss dem Urpsungstext und meinem eigenen Text gerecht werden (als Gattung, in der Hörer-/Lesererwartung etc)


(zu Alexander Weinstocks Text)

– Versuch einer starken Behauptung (Experimentalanordnung)

– was ist Poetizität? wo sie doch etwas sichtbar macht, was angeblich nur durch Poesie sichtbar gemacht werden kann

– eine Rezension, die klare Wünsche oder Wertungen an ein Buch heranträgt

– aber: die eigenen unmittelbaren Aversionen ausblenden

– gibt es das „Exotismus“problem, Problem der anderen Kultur nicht bereits bei geringfügigen Kontextverschiebungen? ab wann sind graduelle „Befremdlichkeiten“ qualitativ oder essentiell?


(zu Thomas Hashemis Text)

– zwei Perspektiven, welche geht vorher, folgt eine aus der anderen?

– spezifisiert man eine Herangehensweise oder erarbeitet man sich überhaupt erst eine fundierte?

– Lesen, Werten sind eines – aber nochmal etwas anderes sind die Rückschlüsse, die man aus dieser Wertung zieht, was man damit „anfängt“ (z.B: von wann ist der Text, wie ordne ich ihn ein, wie geht es weiter etc)

– Kritik als Aphorismus: vieles lässt sich aufwerfen, ohne begründen zu müssen

– in welchem Verhältnis stehen fragende, offene, assoziative Herangehensweise und wertende logische Bearbeitung?

(notiert von Hendrik Jackson)